Montag, 22. August 2016

Trost für den "gescheiterten" Scrum Master

FS
Bild: Flickr/Gage Skidmore - CC BY-SA 2.0
Nicht alle agilen Transitionen sind erfolgreich. Immer wieder kommt es zu Rollbacks Richtung Wasserfall, aus den verschiedensten Gründen: kontrollwütiges Management, Angst vor zu viel Transparenz, Dokumentationsverliebtheit, Bürokratie-Fetischismus, you name it. Am schwierigsten ist ein solcher Fehlschlag fast immer für den Scrum Master (wenn er denn nicht selbst Ursache dafür ist), denn als Change Agent ist es eigentlich seine Aufgabe die Transition voranzutreiben. Wenn ihm das nicht gelingt fühlt es sich häufig wie ein Scheitern an. Ich habe schon mehrfach dazu beigetragen derartig "gescheiterte" Kollegen wieder aufzubauen, indem ich ihnen klar gemacht habe, dass keineswegs "alles umsonst" gewesen ist. Denn selbst wenn ganze Projekte oder Abteilungen zurück ins Command & Control kippen bleibt doch etwas zurück, nämlich in den Köpfen der Mitarbeiter.

Wer jemals in einem auch nur halbwegs vernünftig umgesetzten Scrum-Umfeld gearbeitet hat, der hat Vieles kennengelernt was traditionell geführte Firmen viel zu selten bieten: selbstbestimmtes und angstfreies Arbeiten, Focus auf Produktentwicklung statt auf Einhaltung von Vorschriften, Respekt vor Kunden und Kollegen, Offenheit, Transparenz sowie die Bereitschaft Fehler einzugestehen und zu korrigieren. Wer einmal Teil einer solchen Welt war wird immer danach streben sie erneut wahr werden zu lassen, wird sinnlose Vorschriften und Prozesse in Frage stellen, Mut und Ehrlichkeit einfordern und zur Not mit den Füssen abstimmen und sich nach einem besseren Job umsehen - in Zeiten des Fachkräftemangels ein starkes Druckmittel. Allein dieses Mindset geweckt und gefördert zu haben ist ein Erfolg, denn in je mehr Köpfen es sich befindet, desto stärker wird die Transition vorangetrieben, und zwar in ganzen Branchen, nicht nur in einzelnen Projekten.

An aufbauende Worte dieser Art habe ich am Wochenende denken müssen. Zum Hintergrund: in den USA ist letzte Woche eine der vermutlich gesellschaftlich wichtigsten Fernsehsendungen wegen schlechten Quoten abgesetzt worden: die Nightly Show with Larry Wilmore - eine Sendung die die Diskussion über Ungleichheit und Diskriminierung in den Mittelpunkt des öffentlichen Diskurses brachte. In ihrer letzten Ausgabe trat der Satiriker und Aktivist Jon Stewart auf, der genau den oben genannten Aspekt betonte: wer es geschafft hat ein relevantes Thema auf die öffentliche Agenda zu setzen der ist erfolgreich gewesen, selbst dann wenn er sich aufgrund eines Rückschlages ein neues Forum suchen muss. Denn auch ohne ihn wird die öffentliche Debatte weitergehen und weitere Veränderungen und Verbesserungen anstossen. Da ich Stewarts Worte mehr als passend finde möchte ich sie hier wiedergeben:
"Did you resonate with an audience? I would say not only that, but in an important way, in a way that you don't realize yet and won't reveal itself for years to come, and it's this: You started a conversation that was not on television when you began. And you worked with a group of people who you invited to that conversation to collaborate with you, to sharpen that conversation, and what you don't realize is, you walk out of this room, and that conversation doesn't end. And all the people that you worked with are gonna take what they learned here and what they learned from you and the beautiful experience that they had, and you're going to start seeing them doing things in the business as well… you're going to watch that flourish, and that's gonna have you on it."
Man muss nur das "on television" durch "in the industry" ersetzen und hat die passende Trostrede für jeden Scrum Master der gerade das Gefühl hat gescheitert zu sein. Er ist es nicht, denn er hat zur Entstehung von etwas beigetragen das größer ist als er es selbst ahnt und länger anhalten wird als er zu hoffen wagt.
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