Donnerstag, 6. Februar 2020

Agile Bauprojekte (III)

FS
Bild: Wikimedia Commons / China News Service - CC BY 3.0
So tragisch der Ausbruch des Corona-Virus in China auch gewesen ist, aus Projektmanagement-Perspektive hat er zu einem interessanten Fallbeispiel geführt. In weniger als zwei Wochen sind in Wuhan, dem Ort an dem die Seuche ausgebrochen ist, zwei Krankenhäuser komplett neu errichtet worden. Auch die Gründe dafür, dass das in derartiger Rekordzeit gelungen ist sind nachvollziehbar, denn bedingt durch die weltweite Aufmerksamkeit die ein solcher Virus auf sich zieht fand eine intensive Berichterstattung in den Medien statt, unter anderem in der New York Times, der BBC, auf QZ.com, in der South China Morning Post und bei Xinhua. Folgende Faktoren scheinen die schnelle Baugeschwindigkeit möglich gemacht zu haben:

Zweckbau statt Show-Architektur

Einige der verheerendsten Bauprojekte sind vor allem deshalb aus dem Ruder gelaufen weil der Architekt besonders schön bauen wollte, was dann in der Umsetzung besonders aufwändig wurde. Die schornsteinfreie Entrauchungsanlage am Berliner Flughafen, die Kelchstützen im Stuttgarter Bahnhof, der Verzicht auf rechte Winkel in der Elbphilharmonie - keine derartige Idee dürfte in Wuhan auch nur erwogen worden sein, was die Errichtung ungemein vereinfacht haben dürfte.

Einfache Bauweise

Die Krankenhäuser sind nicht nur Zweckbauten, es sind einfache Zweckbauten. Die Gebäude sind kastenförmige, zweigeschossige Flachbauten ohne Keller. Damit waren keine Ausschachtungsarbeiten nötig, die tragenden Wände müssen kein grosses Gewicht aushalten, es gibt keine breiten oder hohen Hallen mit komplizierter Statik. Das ist simpel und schnell zu planen und zu bauen. Auch weitere Aufwände wie die Entsorgung der ausgebaggerten Erde und der Transport und Aufbau hoher und stabiler Gerüste sind entfallen.

Focussierung

Ähnlich wie das im Jahr 2003 während der SARS-Epidemie gebaute Xiaotangshan Hospital in Peking dienen die neuen Krankenhäuser nur der Bekämpfung einer einzigen Krankheit. Bedingt dadurch kann vieles entfallen was in normalen Krankenhäusern vorhanden sein muss: OP-Räume, Radiologie-Anlagen, medizinische Labore und Entbindungsstationen mussten nicht gebaut werden, wodurch die Komplexität des Bauvorhabens noch einmal reduziert wurde.

Modularisierung

Durch die einfache und focussierte Architektur wurde ein weiterer Beschleunigungsfaktor möglich: der Grossteil der beiden Gebäude wurde aus vorgefertigten Bauteilen errichtet, die parallel an anderen Orten angefertigt wurden und vor Ort nur noch zusammengebaut werden mussten. Eine Bauweise die auch in Deutschland bekannt ist, die im Osten verbreiteten Plattenbauten wurden so errichtet (daher auch der Name → aus Platten zusammengebaut).

Standardisierung

Das gerade erwähnte Xiaotangshan Hospital ist aus einem weiteren Grund von Bedeutung: durch seine seinerzeit ähnlich schnelle Errichtung gab es Erfahrungswerte die als Blaupause für die Neubauten verwedet werden konnten. Die Voraussetzung dafür war allerdings, dass die Behandlung und Pflege von SARS- und Corona-Virus-Patienten mit den gleichen Anlagen und Geräten möglich ist. Das scheint in diesem Fall auch so gegeben gewesen zu sein.

Entbürokratisierung (Priorisierung)

Die beschleunigten Genehmigungs- und Finanzierungsverfahren haben sicher auch damit zu tun gehabt, dass durch die zuvor genannten Faktoren das Ausmass der Komplexität und der nötigen Qualitätssicherung deutlich reduziert werden konnte. Gleichzeitig muss es aber auch so gewesen sein, dass der Teil auf den nicht verzichtet werden konnte Vorrang vor allen anderen Vorhaben hatte. Ganz wesentlich dürfte diese klare Priorisierung mit der ausgerufenen Notlage zu tun haben.

Skalierung

Auf vielen Bildern kann man erkennen, dass Arbeiten so weit wie möglich parallelisiert wurden. Alleine auf dem oben zu sehenden Bild befinden sich über 30 Baufahrzeuge, auf anderen Bildern sind zahllose Arbeiter zu sehen die gleichzeitig Beton giessen, Dachplanen ausrollen oder sonstige parallel ausführbare Tätigkeiten durchführen. Man kann davon ausgehen, dass zwei Voraussetzungen dafür nötig waren: ein immenses Budget und eine boomende Bauindustrie, mit vielen ausgebildeten Arbeitern und geeigneten Maschinen. Beides war in diesem Fall vorhanden.

Verzicht auf Nachhaltigkeit

Positiver formuliert: hier wurde mit einem MVP-Gedanken im Kopf gebaut. Noch einmal zum Referenz-Beispiel des Xiaotangshan Hospitals. Nach dem Abklingen der SARS-Epidemie wurde es anscheinend weitgehend aufgegeben und stand leer, was auch nachvollziehbar ist. Viele der funktionalen und ästhetischen Beschränkungen die eine schnelle Errichtung möglich machen grenzen auch die Nachnutzung ein. Andererseits stand hier eben die schnelle Seuchenbekämpfung im Mittelpunkt und nicht nachhaltiges Bauen.

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Natürlich ist der Bau der Kankenhäuser in Wuhan ein Extrembeispiel, dass nur im Rahmen extremer Rahmenbedingungen möglich war und daher nur begrenzt in andere Kontexte übertragbar ist. Es zeigt aber auch, dass in kürzester Zeit erstaunliches möglich ist wenn Willen und Dringlichkeit da sind. In die "agile Terminologie" übertragen - der Bau eines ganzen funktionierenden Kankenhauses hat gerade mal einen Sprint gedauert. Das ist mehr als beachtlich.
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