Montag, 25. Mai 2020

Charisma als Scrum Master-Eigenschaft (II)

FS
Bild: Pexels / Andrea Piacquadio - CC0 1.0
Wir müssen noch einmal über das Thema Charisma sprechen, bzw. ob ein Scrum Master es haben sollte und warum. Dass er charismatisch sein muss um von seinem Team als Servant Leader akzeptiert zu werden, sollte für die meisten fachkundigen Menschen verständlich sein, es ist aber nur die Hälfte der ganzen Geschichte. Es gibt noch einen zweiten Bereich in dem Charisma dringend benötigt wird wenn ein Scrum Master seinen Job richtig machen will - in seiner Zusammenarbeit mit dem Management.

Zum besseren Verständnis zuerst ein kurzer Exkurs: Charisma ist anders als oft angenommen keine "überwältigende Ausstrahlung" sondern etwas Komplexeres. Geprägt vom Soziologen Max Weber verbirgt sich dahinter der Glaube anderer Menschen an das Führungsvermögen der als charismatisch wahrgenommenen Person. Soll dieser Glaube nicht nach kurzer Zeit wieder verschwinden muss er regelmässig durch positive Erbebnisse verstärkt werden, die dieser Führung zugeordnet werden. Charisma ist also keine Eigenschaft sondern eine soziale Beziehung.

Zurück zum Thema. Warum jeder Scrum Master dringend auf das gerade beschriebene Charisma angewiesen ist wenn er mit dem Management redet wird bei einem Blick in den Scrum Guide klar: Leading and coaching the organization in its Scrum adoption und  Planning Scrum implementations within the organization sind nur die am offensichtlichsten systemverändernden Tätigkeiten die er ausüben muss, weitere kommen noch dazu. So gut wie jeder Manager der sich dessen bewusst wird, wird sich die gleiche Frage stellen - "Warum sollten wir den das tun lassen?"

Die Antwort darauf muss lauten "Weil wir glauben, dass er unsere Organisation zum besseren verändern kann." Und genau hinter diesem Satz verbirgt sich die Grundidee des Konzeptes, der Glaube anderer Menschen an das Führungsvermögen der als charismatisch wahrgenommenen Person. Hilfreich bei der initialen Erlangung dieses Vertrauensvorschusses ist übrigens ein Seitenaspekt, das so genannte Amts-Charisma, also die Neigung der Menschen an das Führungsvermögen einer Person zu glauben, die eine bestimmte Rolle innehat. Durch sie kann ein charismatischer Status sogar erstaunlich einfach erreicht werden.

Wesentlich schwerer (und in der Konsequenz auch entscheidender) ist es dagegen diesen Status auch dauerhaft zu erhalten. Sollten sich durch das Wirken des Scrum Masters mit der Zeit keine Veränderungen ergeben wird mit grosser Wahrscheinlichkeit die Bereitschaft zurückgehen ihm weiter diese Freiheiten zu lassen. Im schlimmsten Fall wird er dadurch zurückgeworfen auf die Position des reinen Teambetreuers ohne Anteil an der Organisationsentwicklung (mit der Folge einer starken Verkrüppelung von Scrum).

Um es nicht dazu kommen zu lassen muss es zu den ersten Schritten gehören dem Management zu vermitteln was die zu erwartenden Veränderungen sind (incrementelle Produktentwicklung und kontinuierlicher Verbesserungsprozess), dass die Ergebnisse in zwar kontinuierlichen aber kleinen Lieferungen kommen werden (und dass das so gewollt ist) und dass es auch immer wieder dazu kommen kann, dass eine Lieferung ausfällt oder die Erwartungen nicht erfüllt (was aber durch den kleinen Lieferumfang keine schwerwiegenden Folgen haben wird).

Lässt die Organisation sich auf dieses Vorgehensmodell ein kann es zu dem kommen was Max Weber die "Veralltäglichung" des Charismas genannt hat. In diesem Zustand hat sich der Vertrauensvorschuss für das Management schon so oft ausgezahlt, dass sie ihn auch bei Fehlschlägen und Schwächephasen nicht in Frage stellen. Für jeden Scrum Master der Zustand auf den er hinarbeiten sollte.
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