Freitag, 8. Mai 2026

Der Wettlauf in die Nazi-Vergangenheit

Die Geschichte von den zwei Wettbewerbern, die um die Wette an einer gleichen Software bauen, um als erster eine Marktlücke besetzen zu können, ist mittlerweile altbekannt. Und genau so alt sind die Zweifel: ist das wirklich jemals irgendwo so passiert? Seit kurzem können wir das nicht nur bejahen und mit einem Beispiel belegen, sondern sogar mit einem besonders wilden. Es geht um eine Branche im Umbruch, um eine einmalige Gelegenheit, um künstliche Intelligenz - und um den Nationalsozialismus.


Beginnen wir mit der Branche im Umbruch, mit den Medien. Bereits seit Jahrzehnten gehen die Zahlungsbereitschaft der Leser und mit ihnen auch Umsätze und Gewinne zurück. Gleichzeitig wird der Wettbewerb härter - die Nachrichten gibt es einen Klick weiter auf einer anderen Website umsonst. Um Abonnements zu verkaufen brauchen die Verlage also exklusive Inhalte, und idealerweise solche, die kein Wettbewerber hat, und die man auch nicht so einfach abschreiben kann.


Im März 2026 gab es auf einmal eine Gelegenheit, sich solche Inhalte zu erschaffen. Das US-amerikanische Nationalarchiv veröffentlichte die im zweiten Weltkrieg beschlagnahmte Mitgliederdatei der NSDAP, allerdings in einem nur aufwändig zu durchsuchenden Format. Die Chance: der Erste, der sie einfach durchsuchbar machen würde, konnte diese Suche hinter eine Paywall stellen und damit neue zahlende Abonennten gewinnen, die die eigene Familiengeschichte überprüfen wollten.


Zwei der grössten deutschen Medien nahmen die Herausforderung an, eine solche Lösung als erster zu entwickeln: die Zeit und der Spiegel. Und das Ergebnis dieses Wettrennens war eindeutig: am 18.03. ging das Archiv in den USA online, schon am 7. April veröffentlichte die Zeit ihre Suchmaschine, der Spiegel folgte erst am 7. Mai. Wer wissen wollte, ob Oma und Opa Nazis waren, hatte da schon längst ein Abonnenement der Zeit gekauft, das Marktfenster war bereits weitgehend geschlossen.


Wie genau es geklappt hat, in nur drei Wochen eine solche Software zu entwickeln hat die Zeit zwar nicht im Detail beschrieben (nur dass sie bei der Programmierung die KI Gemini benutzt hat), es ist aber offensichtlich, dass in einem agilen Modus gearbeitet wurde. Für Anforderung, Entwicklung, Test und Rollout standen schliesslich jeweils nur wenige Tage zur Verfügung, am Ende ist dabei das alte Versprechen der agilen Bewegung, Software in 30 Tagen zu erstellen, sogar unterboten worden.


Die ganze Geschichte ist ein schönes Beispiel dafür, dass in einem IT-Projekt die auf den ersten Blick gar nicht so lange Differenz von vier Wochen entscheidend für den Erfolg eines Produkts oder Features sein kann. Und wer weiss - vielleicht sitzt irgendwo beim Spiegel gerade ein Manager und ärgert sich darüber, dass sein Unternehmen moderne Arbeitsweisen lange eher reflexhaft verdammt hat, als ihnen mit Offenheit und Interesse gegenüberzutreten.

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