Donnerstag, 12. Februar 2026
Die agile Schleife
Die ikonische Schleife, die fast durchgehend zur Visualisierung der verschiedenen agilen Vorgehensmodelle genutzt wird, ist immer wieder zum Gegenstand von Spott und Kritik geworden. Dadurch, dass sie sich nach kurzer Aufwärtsbewegung nach hinten wölbt, kommt man am Ende wieder da an, wo man gestartet ist. Für viele Kritiker ist das auch die tragische aber treffende Beschreibung der agilen Bewegung, 25 Jahre nachdem sie im Februar 2001 auf einer Skihütte gestartet wurde.
Tatsächlich sind Projektmanagement und Softwareentwicklung in vieler Hinsicht wieder dort angekommen, wo sie damals bereits waren: schwergewichtige, bürokratische Prozessvorgaben werden an der Spitze grosser Organisationen definiert und den auf Effizienz statt auf Effektivität getrimmten Einheiten übergestülpt, Abhängigkeiten werden gemanaged statt aufgelöst und innerhalb der so gebildeten Prozess-Schicht bestehen prozesszentrierte, von der eigentlichen Arbeit entkoppelte Berufe.
Die Pointe: all das geschieht mittlerweile unter dem Label "Agile", also ausgerechnet jener Begrifflichkeit, die ursprünglich als Gegenwurf zu all dem gerade Gesagten entwickelt wurde. Die schwergewichtigen Prozessvorgabwn sind die Skalierungsframeworks, innerhalb derer die Effizienz der Teams an der Velocity ihres Outputs gemessen wird, koordiniert von einer Prozessschicht aus (Proxy-) Product Ownern, Scrum Mastern, Agile Coaches, Solution Managern und Release Train Engineers.
War also alles umsonst? Nicht unbedingt. Der Spott über die im Rahmen ihrer Schleifenform stehts zum Ausgangspunkt zurückkehrenden agilen Iterationen übersieht nämlich etwas Zentrales: jede einzelne Wiederholung führt zu Lerneffekten, und jeder neue Durchlauf ist dadurch anders (und oft besser) als die davor - was auch bedeuten kann, dass man dafür zurück auf Los gehen muss. Das gilt in der digitalen Produktentwicklung, es gilt aber genauso in der Weiterentwicklung der agilen Vorgehensmodelle selbst.
In dem Vierteljahrhundert seit der Erfindung des Begriffs der Agilität in den schneebedeckten Bergen haben zahlreiche derartige Lernschleifen stattgefunden. Reine Teamzentrierung führt zu Machtlosigkeit, zu grosse Management-Nähe dagegen zu Entkoppelung von der Praxis. Zu grosse Technik-Nähe führt zurück in organisatorische Silos, ein zu grosser Abstand zur Technik dagegen zu Meeting-Theater und Machbarkeitsphantasien. Jede dieser Schleifen hat geschmerzt, jede war wertvoll.
Denn auch das gehört zum Gesamtbild - vorgegebene Prozesse, Effizienzfixierung und umfangreiches Abhängigkeitsmanagement sind zwar wieder (oder immer noch) da, aber sie werden anders gesehen: nicht mehr als zwangsläufig richtig, sondern als notwendiges Übel, das es immer wieder zurückzuschneiden gilt. Und bei aller Problematik, die in der Aussage steckt, dass der Scrum Master sich selbst überflüssig machen soll - diese Sicht ist ein Paradigmenwechsel.
Und sogar sich selbst stellt die agile Bewegung in Frage. Der sich gerade vollziehende Abschied von Zertifizierungs-Kommerzialisierung, formalisierten Meeting-Ritualen und sich jeglicher Verantwortung verweigernden Methoden-Coaches mag sich oberflächlich betrachtet wie die Trennung von einem gescheiterten methodischen Ansatz anfühlen, man kann ihn aber auch als Teil des agilen Lernschleifen-Durchlaufs sehen. Wir haben dazugelernt, trennen uns von Fehlentwicklungen und starten neu.
Natürlich wird auch das wieder mit Skepsis und Ablehnung begleitet werden, mit Appellen, doch stattdessen auf "bewährte" Methoden zu setzen und mit dem Verweis darauf, dass dezentrale Selbstorganisation angeblich noch nie funktioniert hätte, was mittlerweile ja bewiesen wäre. Mit anderen Worten: die agile Bewegung ist zurück in der Rolle des Underdogs, dem man die Wirksamkeit seiner Ideen erst glaubt, wenn es sie beweisen kann. Sollte uns das Sorgen machen?
Ganz im Gegenteil: eine idealere Startbedingung für ihre nächste Iteration, die basierend auf evidenzgetriebenem Lernen besser sein kann als die davor, gibt es nicht.
Montag, 9. Februar 2026
Ziv’s Law
Die meisten "Gesetze" der Softwareentwicklung oder des Projektmanagement gehen auf Zitate ihrer Urheber zurück (Conway's Law, Hofstadter's Law, Brooks's Law, etc.) und spiegeln daher deren Auffassungen wieder. Ziv's Law, benannt nach Hadar Ziv, Professor der University of California, ist in dieser Hinsicht ein Sonderfall, da es seine ursprünglichen Aussagen verfremdend verkürzt. Bevor wir auf seine eigentliche Form schauen, ist aber hier zunächst die verkürzte:
Software specifications and requirements will never be fully understood
frei nach Hadar Ziv, ca. 1996
Zurückgeführt wird Ziv's Law auf seine im Jahr 1996 zusammen mit Debra J. Richardson veröffentlichte Studie The Uncertainty Principle in Software Engineering. Diese beschäftigte sich trotz ihres Namens allerdings nicht mit der Softwareentwicklung im Allgemeinen, sondern nur mit einem ihrer Teilgebiete: dem Software-Testen. Und in diesem Kontext sollte die Aussage der niemals vollständig verstehbaren Anforderungen und Spezifikationen auch gesehen werden.
Ziv und Richardson legten in ihrer Studie dar, dass sämtliche Anforderungen, und damit auch sämtliche Versuche, durch Tests sicherzustellen, dass sie korrekt umgesetzt wurden, Unsicherheits-fördernden Faktoren unterliegen: die Problembeschreibung muss Umgebungsfaktoren ausblenden um nicht zu ausufernd zu werden, die Lösungsbeschreibung kann nur bekannte mögliche Implikationen enthalten und keine noch unbekannten, und ihre menschlichen Verfasser sind fehlbar und können sich irren.
Bedingt durch diese Faktoren sind praktisch sämtliche Versuche, eine zu erstellende Software zu beschreiben, unvollständig, weshalb sowohl in Bezug auf die Umsetzung als auch in Bezug auf den Test unklar sein muss, ob die zugrunde liegenden Anforderungen wirklich im Sinne ihrer Verfasser verstanden wurden. Diese Unklarheit und ihre Folgen werden bereits auf einer der ersten Seiten von The Uncertainty Principle in Software Engineering adressiert:
Software systems under test include, among others, requirements specications, design representations, source code modules, and the relationships among them. These software artifacts are produced by requirements analysis, architectural design, and coding processes, respectively. Following UPSE [the Uncertainty Principles in Software Engineering], uncertainty permeates those development processes and, consequently, the resulting software artifacts. Plans to test them, therefore, will carry these uncertainties forward
Ziv & Richardson, The Uncertainty Principle in Software Engineering , S.4
Diese Darlegungen wird jeder, der sich schon einmal mit Softwareentwicklung beschäftigt hat, bestätigen können. Ihre grosse Schwäche ist aber, dass sie relativ langatmig und kompliziert formuliert wurden, so dass man sie sich kaum merken kann. Der Versuch, sie auf eine gut zu behaltende Zeile zu verkürzen, ist nachvollziehbar, allerdings kam diese Prägnanz mit einem Preis - der ursprüngliche Bezug zum Software-Test ging verloren, genau wie der Verweis zu den erforschten Unsicherheits-Faktoren.
Die verfälschend verkürzte Version von Ziv's Gesetz, die nur noch besagt, dass Anforderungen und Spezifikationen nie zur Gänze verstanden werden, ist übrigens nicht zwingend unzutreffend. Praxis-Beobachtungen sprechen sogar dafür. Anders als Zivs und Richardsons differenziertere Aussagen ist sie aber nicht mehr durch wissenschaftliche Forschungsergebnisse belegt. Sie ist damit lediglich eine durch anekdotische Evidenz belegte starke Meinung, dessen sollte man sich bewusst sein.
Freitag, 6. Februar 2026
Cost of Delay (II)
Manchmal hilft bei der Vermittlung komplexer Sachverhalte ein Video ungemein, so auch in diesem Fall. Erklärt wird die Idee der Verspätungskosten, bzw. der Cost of Delay. Gut verständlich und kompakt zusammengefasst, in nur wenigen Minuten.
Cost of Delay – An Introduction from Joshua Arnold on Vimeo.
Bemerkenswert ist, dass das Video bereits mehr als ein Jahrzehnt als ist. Was seine Erstellung damals für einen Aufwand bedeutet hat mag man sich kaum vorstellen. Heute mit KI ginge es sicher in einem Bruchteil der Zeit.
Dienstag, 3. Februar 2026
Definition of Done (IV)
Bis zur Überarbeitung des Scrum Guide im Jahr 2020 enthielt er in Bezug auf die Definition of Done (DoD), sein zentrales Quality Gate, durch das alle neu erstellten Funktionalitäten passieren müssen, eine Formulierung, die zumindest aus meiner Sicht hochgradig kontrovers war. Sinngemäss stand in ihr, dass die Qualität des erzeugten Produkt oder Service sich verbessern liesse, indem der Umfang der DoD vergrössert würde. Oder im englischen Original:
As Scrum Teams mature, it is expected that their definitions of “Done” will expand to include more stringent criteria for higher quality.
Nun ist dieser Passus wie gesagt seit dem Jahr 2020 Geschichte, er ist aber in vielen Teams und Organisationen noch immer im expliziten oder impliziten Verständnis von Scrum hängengeblieben. Daher lohnt sich eine nähere Betrachtung - warum kann die Idee einer "expandierenden Definition of Done" problematisch sein, und unter welchen Umständen ist es möglich, diese negativen Aspekte zu vermeiden oder sogar ins Vorteilhafte zu drehen?
Um mit dem problematischen Teil zu beginnen: eine DoD, die versucht, umfassend alle Eventualitäten zu regeln, wird zwangsläufig zu ausufernd grossen Kriterienkatalogen führen, die alleine aufgrund ihres Umfangs nicht mehr zu übersehen und kaum zu befolgen sind. Das ist eine Falle, in die viele Teams tappen. Vor allem in Wikis oder shared Docs mit ihrem unbegrenzten Platz kann es zu einem wuchenden Wachstum von manchmal geradezu absurdem Ausmass kommen.1
Derartig aufgeblähte Dokumente sorgen dafür, dass die von ihnen betroffenen Teams und Projekte in einer Zwickmühle sitzen. Entweder stellen sie sicher, dass alles was dort steht befolgt und eingehalten wird, verbunden mit einem erheblichen Verwaltungs- und Dokumentationsaufwand. Oder sie riskieren, dass sie einzelne Elemente vergessen und übersehen und damit nicht einhalten (oder die Unübersichtlichkeit führt versehentlich dazu, dass einzelne Teile sich gegenseitig widersprechen).
Jetzt zum positiven Fall, bzw. zu der Frage, wie dieser aussehen kann. Die (vor allem für IT-Produkte naheliegende) Antwort - automatisiert. Genauer gesagt, die Einhaltungs-Überprüfung der DoD findet automatisiert statt. Vorgaben wie Testabdeckung, Lastfähigkeit, maximale Verschachtelungstiefe des Code, das Nichtvorhandensein von auskommentierten oder ausgetoggleten Features oder sogar korrekte Rechtschreibung lassen sich durch automatisierte Tests schnell validieren - auch in grossem Umfang.
Für Teams und Organisationen die so vorgehen wollen, ergibt sich dadurch die folgende Richtlinie: eine Definition of Done wird nur dann durch einen zunehmenden Umfang besser, wenn die enthaltenen Vorgaben zum Grossteil automatisiert validierbar sind.2 Die nicht automatisiert überprüfbaren Teile können zwar ihre Berechtigung haben, um Unübersichtlichkeit und Bürokratie zu vermeiden, sollten sie aber regelmässig überprüft und ggf. verschlankt werden.
2Und nicht zu vergessen: wenn diese Automatisierung mit überschaubarem Aufwand wartbar und weiter modifizierbar ist
Samstag, 31. Januar 2026
Kommentierte Links (CXXXVI)
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| Bild: Pexels / Ekam Juneja - Lizenz |
Stefan Kühl: Die Komplexitätsreduktion durch Managementmoden
Die (scheinbaren) Vorteile von Management-Moden lassen sich für Stefan Kühl einfach zusammenfassen: Jede Problemlösung bringt zwangsläufig auch „Lösungsprobleme“ mit sich, also Seitenauswirkungen, unbedachte Konsequenzen und Ähnliches. Managementmoden mit ihren häufig stark vereinfachenden Vorgehensanleitungen helfen dabei, diese „Lösungsprobleme“ auszublenden. Zumindest für eine gewisse Zeit.Stefan Norrvall: Three Axes — Now What?
Für Stefan Norrvall scheitern Veränderungsvorhaben Richtung Agilität in grossen Organisationen deshalb, weil es gegenläufige "Achsen" gibt, die die Veränderungskräfte in unterschiedliche Richtungen lenken: nicht delegierbare zentrale Verantwortlichkeiten, externe Regulierungen und fehlende formale Legitimierungen emergenter Praktiken. Dabei ist das Scheitern nicht zwangsläufig, wird aber wahrscheinlich, wenn man diese Achsen ignoriert..Stephanie Ockerman: Self-Managing Teams - From Compliance to Collaboration
In gewisser Weise eine Fortsetzung des letzten verlinkten Artikels. Stephanie Ockerman beschreibt hier nicht nur die notwendigen "Bausteine" für selbstorganisierte Teams, sondern auch die Hindernisse, die grosse Organisationen ihnen (z.T. unbewusst) in den Weg legen. Und in denen findet sich einiges, was man den Auswirkungen der drei oben genannten Achsen zuordnen könnte. Ein schönes Beispiel dafür, wie systemisch alles zusammenhängt..Maarten Dalmijn: Red Vs Blue Roadmaps - Why Most Roadmaps Suck
Ein neuer Blick auf Output-orientierte und Outcome-orientierte Roadmaps. Die ersten (Output-orientiert, bzw. Rot) sind für Maarten Dalmijn das Ergebnis von Angst vor den Folgen eines möglichen Scheiterns, während die zweiten (Outcome-orientiert, bzw. Blau) Fehlentwicklungen als unvermeidbar betrachten, und ihren Focus daher nicht auf Fehlervermeidung sondern auf Fehlerbehebung legen. Wie er richtig sagt: das muss man sich bewusst trauen.Mike Fisher: Culture Debt
Es gibt technische Schulden, es gibt organisatorische Schulden und für Mike Fisher gibt es auch kulturelle Schulden. Ähnlich wie die beiden anderen Typen werden sie bewusst aufgenommen, um zu Beginn schneller zu Ergebnissen zu kommen, vor allem durch Inkaufnahme von ruppigen Umgangsformen und von toleriertem unmoralischem Verhalten von Leistungsträgern. Und genau wie die anderen beiden Typen sind einmal aufgenommene kulturelle Schulden nur mit einem erheblichen Mehraufwand wieder zu tilgen.Dienstag, 27. Januar 2026
Getting Buy-In And Overcoming Larman's Law
Ich sage es schon seit langem: eine der Hauptzielgruppen von Change-Vorhaben sind Manager, und im Sinn eines zielgruppenorientierten Vorgehens sollte man daher seine Botschaft so verfassen können, dass sie für Manager Sinn ergibt. Alan Holub hat da einige schöne Ideen.
Eine gewisse Ironie der Geschichte ist übrigens, dass Holub plötzlich aus einem unerwarteten Grund zusätzlich Management-kompatibel ist: durch seine Ablehnung des Begriffs "Agile". Die Gründe dafür sind unterschiedliche (bei ihm die mit der Zeit stattgefundene Kommerzialisierug und Formalisierung der agilen Frameworks, bei vielen Managern die enttäuschte Hoffnung auf ein Wundermittel), in der grundsätzlichen Abwehrhaltung kommen sie aber zusammen.
Freitag, 23. Januar 2026
Was Führungsrollen (un)attraktiv macht
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| Bild: Unsplash / Vitaly Gariev - Lizenz |
Eine der interessanteren Studien der letzten Zeit trägt den schönen Namen Führungsetage leer?1 und kommt vom Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung des Instituts der deutschen Wirtschaft. Ihr zufolge sind in deutschen Unternehmen fast 30.000 Führungskräfte-Positionen unbesetzt, gleichzeitig können sich aber nur wenige Nicht-Führungskräfte vorstellen, dorthin nachzurücken - nur 14 Prozent aller Angestellten wären ohne Vorbehalte bereit. Wir laufen damit in eine Art von Führungsproblem hinein.
Auch die Gründe dafür hat die Studie unter 5000 Teilnehmern abgefragt. Es sind hohe Arbeitsbelastung, zu grosse Verantwortung, zu grosse Einschnitte ins Privatleben, zu geringe finanzielle Anreize, der Kontaktverlust zur eigentlichen Arbeit (bzw. den dort arbeitenden Kollegen) und eine zu geringe Unterstützung von mittleren Führungspositionen durch das Topmanagement. Das sagt viel aus über die befragten Menschen, aber noch mehr über ihre Unternehmen.
Als jemand der seit 15 Jahren als externer Berater in zig Unternehmen unterwegs war muss ich leider sagen, dass diese Befürchtungen in vielen Fällen berechtigt sind, da es systemische Ursachen gibt, die zu genau diesen Ergebnissen führen. Zu grosse Aufgabenteilung und die Delegation von Verantwortung ohne Gestaltungsspielraum führen zu ständigen Abstimmungen und Eskalationen, wodurch die Rollen immer politischer werden und sich immer stärker von der eigentlichen Arbeit entfremden.
In diesen Zusammenhängen liegt aber auch die Chance es besser zu machen. Durch eine auf Produkte oder Kunden (statt auf Ressouceneffizienz) ausgerichtete Organisation lässt sich der Abstimmungs- und Eskalationsaufwand reduzieren, durch ein Konnexitätsprinzig kann Verantwortung an Gestaltungsspielraum gekoppelt werden und durch beides geht der Politik- und Bürokratie-Anteil der Arbeit zurück, wodurch wieder mehr Zeit für Fachlichkeit und Technikbezug bleibt.
Das ist natürlich in der Umsetzung eine alles andere als einfache Aufgabe, und die in diesen Ansätzen enthaltenen Ideen von dezentraler Autonomie und bewusstem Verzicht auf (temporäre) finanzielle Optimierung sind genau gegenläufig zur mehrheitlich gelebten Praxis grosser Organisationen. Eine Umgestaltung in diese Richtung wird daher in vielen Fällen auf Skepsis und Widerstände stossen. Stattfinden sollten sie aber trotzdem.
Ist das nämlich nicht der Fall, drohen sich die Tendenzen aus der Studie des Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung zu verstärken. Dann wird (oder bleibt) die Arbeit als Führungskraft so unattraktiv, dass zu wenige sie ausüben wollen. Die zwangsläufige Konsequenz ist, dass Führungspositionen gar nicht besetzt werden, oder in Ermangelung geeigneter Kandidaten durch ungeeignete Personen. Und da kann ich wieder aus eigener Beratererfahrung sprechen: beides ist etwas, das man besser vermeiden sollte.
Dienstag, 20. Januar 2026
Agile Compliance (II)
Seit kurzem kann ich einen weiteren Punkt in meiner grossen, ständig nachwachsenden To Do-Liste abhaken: ich habe einen Beitrag in einem juristischen Fachbuch veröffentlicht, und zwar in Product Compliance, Herausgegeben von Chibanguza und Steege im Nomos Verlag. Damit habe ich jetzt einen zweiten Grund um mich Autor zu nennen, aber auch darüber hinaus ist das Thema eines, das für mich schon seit längerer Zeit wichtig ist.
Wie ich schon einmal geschrieben habe, wird in einem agilen Vorgehen Compliance sichergestellt, indem die notwendigen Dokumentationen parallel zur Produktentwicklung fertiggestellt werden. Das bedeutet zwar, dass mehr (und unterschiedlichere) Arbeit parallel stattfinden muss, im Gegenzug ist der Zustand des "potentially shippable" damit durchgehend gewährleistet und nicht nur punktuell (denn: ohne Compliance keine Auslieferung). Und die Nachdokumentations-Aufwände am Ende fallen weg.
Um sicherzustellen, dass es so kommt, kann mit zweien der klassischsten unter den agilen Praktiken gearbeitet werden: der Definition of Ready (DoR) und der Definition of Done (DoD) bezw. mit ähnlich funktionierenden aber abweichend benannten Policies, Quality Gates oder vergleichbaren Ansätzen. Unanhängig vom Namen ist dabei wichtig, dass im Voraus klar ist, wie mit Compliance-Themen umgegangen wird, und dass bei jeder einzelnen Auslieferung eine Konformität gegeben ist.
Zunächst zur im Voraus nötigen Klarheit. Die bedeutet nicht, dass schon vor Beginn der Arbeit feststehen muss, welche Normen erfüllt werden müssen. Bei einem Vorgehensmodell, das die Art der Umsetzung möglichst lange offen lässt wäre das auch schwierig. Es kann aber in der DoR im Voraus festgelegt werden, welche Vorgaben zu prüfen oder welche Experten zu konsultieren sind, um das aktuelle Increment für compliant erklären zu können (zum Increment gleich mehr).
Die Art auf die das geschieht, kann dann Teil der DoD sein. Je nach Kontext kann die Ausgestaltung unterschiedlich sein, mögliche Varianten sind aber wie oben gesagt der Abgleich mit bestehenden Regeln und Gesetzen, die Freigabe durch einen Juristen, Datenschützer, o.Ä. und wenn erforderlich die Erstellung der dazugehörigen Dokumentation. Das kann natürlich bedeuten, dass z.B. ein Jurist Teil eines Softwareentwicklungsteams werden muss - aber das ist eben Crossfunktionalität.
Um sich dabei nicht zu verzetteln ist es schliesslich wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, welcher Arbeits- oder Funktionsumfang denn jeweils Compliance-konform sein muss. Es ist das Increment, ein Begriff mit sehr spezifischem Inhalt: zu ihm gehört nicht nur der Umfang des letzten Sprints oder Arbeitspakets, sondern ausserdem die Summe aller bereits vorher erstellten Arbeitsergebnisse. Nur als Ganzes kann ein Increment compliant sein, und nicht lediglich in Teilen.





