Donnerstag, 22. August 2019

Andon

FS
Bild: Pxhere - CC0 1.0
Zu den grossen Inspirationsquellen für jeden der seinen agilen Prozess verbessern will gehört zweifellos das Toyota Production System (TPS). Selbst wenn es ursprünglich für die Industrieproduktion von Autos vorgesehen war enthält es zahlreiche Elemente, die auch in der Software-Programmierung oder Wissensarbeit von Nutzen sein können. Eines dieser Elemente ist das so genannte Andon (行灯, übersetzt rote Laterne, bzw. Papierlaterne).

Unter diesem Begriff versteht man Systeme oder Prozesse mit denen ganze Produktionsketten (in der Regel Fliessbänder, aber auch alles andere) schlagartig zum Stillstand gebracht werden können sobald ein Fehler auftritt. In den meisten Fällen erfolgt das durch Zugschnüre oder grosse Druckknöpfe (auch bekannt als Toyota-Buttons) die überall entlang der Fertigungsstrassen zu finden sind. Im weiteren Sinn gehören auch Signaltöne und Datenerfassungssysteme zu den Andon-Installationen dazu.

Bemerkenswert sind an diesem Konzept vor allem zwei Aspekte. Zum einen wird das Wesen eines Fehlers hier anders verstanden als üblich. Der Fehler ist nicht mehr die Beschädigung oder Minderwertigkeit des "fehlerhaften" Produkts sondern die Dysfunktion des vorhergegangenen Herstellungsprozesses. Dementsprechend folgt auf das Anhalten der Produktionskette auch eine Neukonfiguration des Prozesses und nicht eine Reparatur des Produkts (die soll überflüssig werden).

Zum anderen sind die Zugschnüre oder Druckknöpfe nicht nur überall angebracht sondern auch für jeden zugänglich - und es hat auch jeder die Berechtigung sie zu benutzen. Darüber hinaus ist ihre Benutzung auch prinzipiell nicht mit negativen Folgen verbunden, auch dann nicht wenn der Produktionsausfall auch Gewinnrückgänge nach sich zieht. Es soll alles vermieden werden was von ihrer Benutzung abhält, damit nichts der Idee einer möglichst fehlerfreien Auslieferung im Weg steht. Die Idee dahinter: der langfristige Nutzen ist weit grösser als ein kurzfristiger Verlust.

Übertragen auf die Softwareentwicklung wären vor allem die Tolerierung "unkritischer Bugs" oder die dauerhafte Durchführung zu vieler (potentiell fehlerhafter) manueller Prozesse Gründe für das Auslösen eines Andon-Systems. Da derartige Verhaltensmuster fast immer die Durchführung von langen, nachgelagerten Regressionstest- und Bugfixing-Phasen zur Folge haben verhindern sie die kontinuierliche Auslieferung von Geschäftswert und sind damit kritisch genug für einen Produktionsstop.

Das Gegenargument ist an dieser Stelle das selbe wie in der Fabrik: "Aber damit verhindert man doch das Einhalten der Produktionsquote, bzw. der Deadline!" Allerdings ist das nur bedingt richtig. Wenn zwar die Menge und das Zieldatum stimmen, die Arbeitsergebnisse aber defekt sind, dann ist der Erfolg nur ein scheinbarer. In Wirklichkeit sind Kosten und dauer sogar höher, sie werden nur in späteren Phasen versteckt.

Um das nicht geschehen zu lassen macht ein roter Knopf an jedem Arbeitsplatz absolut Sinn.
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