Montag, 17. Februar 2020

Das Urteil des Dodo

FS
Grafik: Flickr / Biodiversity Heritage Library - Public Domain
Welcher agile Ansatz ist denn jetzt der Richtige? Ist es Scrum oder Kanban? LeSS oder SAFe? Lean Startup oder Extreme Programming? Derartige Fragestellungen findet man häufig, vor allem in Unternehmen die gerade ihre ersten Schritte in diese Richtung machen. Die Frage scheint auch nachvollziehbar zu sein, schliesslich soll die Lösung ja zum Problem passen. Und doch - beantwortet wurde sie bis heute nicht, welches Framework in welcher Situation am besten hilft bleibt offen1.

Wie kann man am besten mit dieser unbefriedigenden Unklarheit umgehen? Hier hilft einmal mehr der Blick über den Tellerrand. Auch in anderen Wissensgebieten kann nicht klar gesagt werden welcher Ansatz der beste oder hilfreichste ist, und eines das einen näheren Blick lohnt ist die Psychotherapie. Wie im Fall der agilen Frameworks bestehen auch hier verschiedene miteinander konkurrierende Ansätze. Die Frage nach dem Besten konnte auch hier lange nicht beantwortet werden. Bis 1936.

Die vom amerikanischen Psychologen Saul Rosenzweig vorgestellte Lösung lautete: alle Ansätze sind richtig. Für eine bessere Kommunizierbarkeit gab er dieser Erkenntnis einen Namen - The Dodo Bird Verdict (Das Urteil des Dodo), benannt nach einer Figur aus Alice im Wunderland, deren Schiedsspruch nach einem Wettrennen lautete "Everybody has won and all must have prizes."

Um von der Fachwelt akzeptiert zu werden brauchte Rosenzweig natürlich mehr als einen salomonischen Spruch, weshalb er das Urteil des Dodo mit der wissenschaftlichen Veröffentlichung Some implicit common factors in diverse methods of psychotherapy im American Journal of Orthopsychiatry untermauerte. Wie schon am Titel zu erkennen lautete dessen These, dass die verschiedenen Methoden deshalb gleich wirksam wären, weil sie alle auf den gleichen Grundlagen aufbauen.

Die Parallele zu den agilen Frameworks ist offensichtlich. Auch hier gibt es bei aller Unterschiedlichkeit geimnsame Grundlagen, durch die alle verbunden werden: Akzeptanz der Nichtvorhersehbarkeit der Zukunft, incrementelle Auslieferung, Pull-Prinzip, Delegation von Entscheidungskompetenz, Bereitschaft zur ständigen Anpassung. Und auch hier ist es so, dass jedes Vorgehen das sich an diesen Grundlagen orientiert in vergleichbarer Form erfolgreich sein wird.

Die Frage bei der Auswahl des Vorgehens sollte demnach nicht sein welches Framework das passende ist sondern ob es so umgesetzt wird, dass es den darunterliegenden Ideen gerecht wird. Wenn das der Fall ist kann das Urteil des Dodo auch bei der Methodenwahl angewandt werden.


1Natürlich gibt es Menschen die behaupten die Antwort zu wissen, aber die verdienen entweder mit einem bestimmten Framework Geld oder ihre Expertise beruht lediglich auf anekdotischer Evidenz
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