Donnerstag, 27. August 2020

Lean, Agile und der Markt für Zitronen

FS
Bild: Pikist - CC0 1.0

Die 1970 erschienene Studie The Market for Lemons: Quality Uncertainty and the Market Mechanism von George Akerlof gehört zu den grossen Klassikern der Wirtschaftswissenschaften. Am Beispiel scheinbar fehlerfreier, tatsächlich aber mangelhaft konstruierter Autos (in der amerikanischen Umgangssprache "Lemons", d.h. Zitronen genannt) glaubte er, eine Dysfunktion des Marktes nachweisen zu können: da Lemons im Vergleich zu fehlerfreien Autos billiger in der Herstellung aber gleich profitabel im Verkauf waren ging er davon aus, dass die Hersteller diese Fehler ihren Kunden bewusst verschweigen und damit eine Abwärtsspirale aus immer stärker nachlassender Qualität verursachen würden.


Bemerkenswerterweise erwies sich Akerlofs Analyse sowohl als richtig als auch als falsch - während es bei den amerikanischen Herstellern tatsächlich zu den von ihm beschriebenen Effekten kam war nicht etwa eine dauerhafte Abwärtsspirale die Folge sondern der Markt reparierte sich selbst. Genervt von der schlechten Qualität wandten sich die amerikanischen Kunden ausländischen Autos zu, die mit deutscher Wertarbeit oder japanischem Jidōka gebaut wurden. Um keine weiteren Marktanteile zu verlieren mussten die amerikanischen Firmen jetzt auch in Qualität investieren.


Wer in der IT arbeitet wird die Parallelen erkennen - auch hier wurde und wird Software produziert die "von Aussen" gut aussieht aber "unter der Motorhaube" Mängel hat, etwa in Form von Bugs, fehlender Lastfähigkeit, langsamer Erweiterbarkeit, schlechter Wartbarkeit, etc. Und auch hier ist es so. dass die Kunden derartige Anbieter abstrafen indem sie zur Konkurrenz wechseln, etwa vom Internet Explorer zu Chrome oder von StudiVZ zu Facebook. Und auch die Lösungen sind vergleichbar.


Die Methoden mit denen die japanischen und deutschen (und später auch amerikanischen) Firmen daran arbeiteten weniger Fabrikationsfehler entstehen zu lassen bilden heute noch die Grundlage von Lean Management und Agiler Softwareentwicklung: Probleme in der Verarbeitung sollen durch KVP, Kaizen und Inspect & Adapt möglichst früh entdeckt werden, sobald das geschehen ist wird der Verarbeitungsprozess angepasst. Fehlerhafte Auslieferungen gibt es damit immer weniger, und damit auch kaum noch Versuchungen sie aus Profitgier zu ignorieren.


Natürlich gibt es in der Umsetzung Unterschiede zwischen Auto- und IT-Industrie. Während in den immergleichen Abläufen einer Fertigungsstrasse der Automobilfertigung eine möglichst starke Standardisierung von Qualitätssicherungsschritten entlang der gesamten Wertschöpfungskette angestrebt wird steht in der IT mit ihrer Prototypen-Fixierung eine möglichst individuelle Qualitätssicherung möglichst früher Produktumfänge im Vordergrund. Das Ziel bleibt allerdings das Gleiche: Fehler verhindern bevor sie entstehen.


Letzten Endes schliesst sich hier ein Kreis: das grösste selbstorganisierte System der Welt, der freie Markt, bringt hohe Qualität hervor indem er sich der kleinsten selbstorganisierten Einheiten, der agil oder lean organisierten Produktteams bedient. Und beide basieren auf möglichst früher und transparenter Informationserhebung und Kundenkommunikation. Mit anderen Worten - der Markt für Zitronen verschwindet.


Sogar eine finale Pointe hält diese Geschichte bereit: 2001, im selben Jahr in dem Akerlof für The Market for Lemons den Wirtschafts-Nobelpreis erhielt verfassten siebzehn damals noch unbekannte Software-Entwickler in einer Hütte in den Rocky Mountains das Manifest für agile Software-Entwicklung. Eine bessere Metapher für eine Zeitenwende ist kaum denkbar.

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