Montag, 10. August 2020

PMI goes Agile

FS
Screenshot: pmi.org


Zu den bei näherer Überlegung erstaunlichen Phänomenen im Umfeld der agilen Vorgehensweisen gehörte bisher das fehlende Engagement der klassischen Projektmanagement-Organisationen. Obwohl diese Art zu arbeiten immer weiter um sich greift und selbst zum Millionenmarkt geworden ist sind die klassischen Standardisierungs- und Zertifizierungs-Anbieter praktisch nicht wahrnehmbar. Noch weitgehend unbemerkt hat aber vor einigen Monaten ein Versuch begonnen das zu verändern.

Im Sommer 2019 wurde das Disciplined Agile Consortium, Besitzer des relativ unbekannten Skalierungsframeworks DAD (Disciplined Agile Delivery), vom Project Management Institute (PMI) gekauft. Das PMI, neben Axelos eine der beiden grossen internationalen Projektmanagement-Organisationen, hat in den folgenden Monaten vor allem an der internen Integration des Zukaufs gerarbeitet, seit Sommer 2020 ist aber auch von aussen erkennbar wohin die Reise gehen wird.

Aus dem neuen DAD-Bereich der PMI-Website lassen sich einige zentrale Weichenstellungen ablesen. Die vermutlich wichtigste: DAD (bzw. dessen Ableitung, die "Disciplined Agile Toolbox") wird explizit als Hybrid-Framework vermarktet, also als eines das auch Teile von klassischem Projektmanagement enthält. Das ist ein deutlich anderer Weg als der von LeSS, Nexus, Kanban University und SAFe, die alle den Anspruch erheben rein agile Methoden zu vertreten.

Eine weitere zentrale Entscheidung scheint zu sein, dass bewusst darauf verzichtet wird die Teams der Ausführungsebene als Scrum Teams zu bezeichnen. Das ist eine klare Unterscheidung zu LeSS, Nexus und SAFe und dürfte ein vorbeugender Befreiungsschlag gegen den Vorwurf sein, Scrum verkrüppelt oder nicht verstanden zu haben. Das dieser zu erwarten gewesen wäre ist angesichts der Team-Rollen offensichtlich - ganz klassisch gibt es hier den Teamleiter und den Architekten, zwar einen Product Owner aber dafür keinen Scrum Master.

Ebenfalls in ihren Auswirkungen nicht zu unterschätzen ist die PMI-typische Bereitschaft hochgradig umfangreiche Regelwerke zu schaffen. In seinem aktuellen Ausbaustand umfasst das DAD-Framework die vier Ebenen Delivery, DevOps, IT und Enterprise, in denen sechs verschiedene Produkt-Lebenszyklen abgebildet werden können: Agile, Lean, Agile Continuous Delivery, Lean Continuous Delivery, Lean Startup und Program. Dazu kommen Querschnittsorganisationen und Regeln und vieles mehr.

Interessant ist, dass DAD den Anspruch erhebt auf einer übergeordneten Ebene zu schweben, von der aus es alle anderen agilen und nicht-agilen Vorgehensmodelle als Baukästen nutzen kann um einzelne Elemente aus ihnen neu zu kombinieren. Diese versuchte Vereinnahmung dürfte zu ähnlichen Widerständen führen wie das vergleichbare Vorgehen von SAFe, wobei DAD ironischerweise auch SAFe lediglich als einen der besagten Baukästen aufführt.

Was zuletzt nicht fehlen kann sind die Zertifizierungen, die sowohl in der klassischen als auch in der agilen Arbeitswelt weit verbreitet sind. Hier ist am deutlichsten sichtbar, dass die Integration von DAD in das PMI noch nicht abgeschlossen ist. Auf der entsprechenden Übersichtsseite führen noch viele Links zu Einstellungs-Benachrichtigungen, Änderungsankündigungen oder Fahlermeldungen. Die einzige unveränderte Weiterführung scheint ausgerechnet (siehe oben) der Scrum Master zu sein.

Ob die PMI/DAD-Kombination sich am Markt durchsetzen wird ist natürlich noch nicht absehbar, als globale Organisation mit hunderttausenden Mitgliedern und hunderten lokalen Organisationen hat PMI aber eine gute Ausgangslage. Dem ersten Eindruck nach dürfte dabei vor allem SAFe der Konkurrent sein, die Positionierung und die Zielgruppe der beiden überschneiden sich stark. Es wird spannend zu sehen sein ob es hier zu einer Koexistenz oder zu einer Verdrängung eines der beiden kommen wird.

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