Dienstag, 19. Mai 2026

Success Disaster

Dass Erfolg (in diesem Fall durchschlagender Erfolg eines Unternehmens in einem Markt) etwas ausschliesslich Positives ist, ist ein zunächst naheliegender Gedanke. Die Realität verhält sich allerdings oft wesentlich komplexer, bis zu dem Punkt, an dem gerade grosse Erfolge zu schwerwiegenden neuen Problemen führen. Der Fachbegriff für dieses Phänomen ist das 'Success Disaster', sinngemäss übersetzbar mit 'katastrophalem Erfolg'. Spannend, und viel zu selten beleuchtet.


Wie im Fall vieler andere Begriffe, die nah an der Alltagssprache sind, ist es beim Success Disaster nicht ganz einfach, die Urheberschaft zuzuordnen. Häufig genannt wird aber der britische Informatiker, Roger Needham, der damit im Jahr 1999 den unerwartet hohen Aufwand für die Lehrkräfte der englischen Fernuniversität 'Open University' beschrieb, der sich aus den in die tausende gehenden Anmeldezahlen der damals ersten Online-Seminare ergab.


Obwohl grundsätzlich auch in andere Kontexte übertragbar, fand der Begriff vor allem im Umfeld der Softwareentwicklung weite Verbreitung, und hier vor allem im Endkundengeschäft von Online Shops, Social Media-Plattformen, Online-Spielen, Streamingdiensten und ähnlichen Angeboten, deren Gemeinsamkeit ist, dass sie auf Infrastrukturen und Entwicklungs- oder Support-Teams beruhen, deren Arbeitskapazität endlich ist. Steigt die Zahl der Nutzer sprunghaft an, drohen sie daher zu kollabieren.


Bekannte Success Disaster sind etwa der mehrere Tage andauernde Zusammenbruch der Konzert-Verkaufsplattform Ticketmaster unter dem Ansturm von Taylor Swift-Fans, der legendäre Fail Whale aus der Frühzeit von Twitter oder die Ausfälle praktisch aller grossen Gaming-Stores nach der Veröffentlichung des Computerspiels Hollow Knight: Silksong. Zu diesen bekannten dürften ausserdem zahllose unbekannte Beispiele kommen.


Der theoretisch einfachste Weg zur Vermeidung derartig katastrophaler Erfolgsauswirkungen ist natürlich, von Anfang an ausreichend Infrastruktur (und ggf. Personal) vorzuhalten, was aber teuer, und bei ausbleibendem Massen-Erfolg eine komplette Fehlinvestition sein kann. Ein flexiblerer Weg kann FinOps sein, ein Ansatz zu dem unter anderem gehört, Angebotsspitzen automatisch zu erkennen und dann situativ Cloudspeicher dazuzubuchen (ggf. auch automatisiert).


Der schlechteste unter allen möglichen Wegen besteht dagegen daraus, die Anzahl der Zugriffe zu reduzieren indem ein Teil von ihnen geblockt wird, seien es solche aus bestimmten geografischen Regionen, solche ohne bestehenden Account, solche ohne bestimmte Vorbestellungs- oder Rabattcodes, etc. Das Success Disaster wird dadurch zwar eingedämmt, ob die ausgesperrten und deshalb frustrierten Kunden jemals wieder zurückkommen, ist aber unklar.

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