Ein Hoch auf die Wissenschaft (II)
Wenn man Aussagen sucht, auf die die agile Bewegung sich einigen kann, dann wird man schnell auf die stossen, dass agiles Arbeiten Empirie- und Evidenz-getrieben sein sollte, oder mit anderen Worten: wissenschaftlich. Ernst genommen bedeutet das zum Einen, dass man im Kleinen selbst versuchen sollte, so vorzugehen, zum Anderen aber auch, dass man sich für wissenschaftliche Erkenntnisse interessieren sollte, die das eigene Arbeitsfeld betreffen - und wer danach sucht, findet Einiges.
Ich bin mit der Zeit auf eine ganzen Reihe wissenschaftlicher Papers gestossen und habe irgendwann mal angefangen, einige davon vorzustellen. Hier sind die nächsten fünf, die mir erwähnenswert erscheinen (und sollte ich das noch ein drittes mal machen, wäre es eine Serie). Sie gehen quer durch alle möglichen Themen durch und sind natürlich eine subjektive Auswahl, aber eine, die ich jedem empfehlen möchte, der bereit ist, sich auf wissenschaftliche Publikationen einzulassen. Hier sind sie:
Flyvbjerg, Bent; Budzier, Alexander; Christodoulou, Maria: Explaining Superscaling, China's Greatest Innovation Yet
Wer Bent Flyvbjergs Bestseller How Big Things get Done gelesen hat wird wissen, dass er Modularität als einen zentralen Erfolgsfaktor für Grossvorhaben identifiziert hat. Aufbauend auf Forschung zu derartigen Vorhaben in China formuliert und validiert er zusammen mit anderen Forschern die Theory of Modular Natives, die das weiter untermauert. Als kurze Erklärung: ein "Modular Native" ist ein immer identisches Bauteil (z.B. ein Solar Panel), das aber in verschiedenen Kontexten eingebaut werden kann.
Bernstein, Ethan S.; Turban, Stephen: The impact of the ‘open’ workspace on human collaboration
Dieses Forschungsvorhaben wäre in Europa wohl an den Datenschutzvorschriften gescheitert. Die Interaktions-Frequenz von Büroarbeitern wurde gemessen, und zwar sowohl die digitale, als auch (über Sensoren) die direkte Kommunikation. Die Ergebnisse widerlegen eine häufige Annahme: das Zusammensitzen in Grossraumbüros führt nicht zu mehr direktem Austausch unter den Mitarbeitern, sondern lässt ihn sogar deutlich zurückgehen.
Patil, Rajeshwari; Raheja, Deepali K.; Nair, Lakshmi; Deshpande, Amruta; Mittal, Amit: The Power of Psychological Safety - Investigating its Impact on Team Learning, Team Efficacy, and Team Productivity
Dazu, dass Psychologische Sicherheit ein zentraler Faktor für die Produktivität von Team ist, gibt es bereits umfassende Forschungsergebnisse, am bekanntesten aus dem Aristotle-Projekt von Google. Eine häufige Frage dazu ist aber, ob diese Ergebnisse universal reproduzierbar sind, oder vor allem auf den europäisch/nordamerikanischen Kulturraum zutreffen (oder noch spitzer - vor allem auf dessen Tech-Industrie). Dieses Paper der Universität Pune in Indien zeigt: sie sind reproduzierbar.
Demirer, Mert; Musolff, Leon; Yang, Liyuan: Writing Code vs. Shipping Code - Productivity Effects Across Generations of AI Coding Tools
Nicht nur die emotionale Intelligenz, auch die künstliche Intelligenz ist ein Produktivitätsfaktor. Dass dabei allerdings eine massive Diskrepanz zwischen Output und Outcome entstehen kann zeigt diese Studie. Einer Steigerung der erzeugten Code-Menge um bis zu 741 % (!) steht nur eine Steigerung der Feature Releases um 20% gegenüber. Die Schluss-Pointe: ein Grossteil der neuen, schnell erzeugten Programme hatte keinen Product-Market-Fit. Es wurde mit Vollgas am Markt vorbei gebaut.
Jané, Joan; Hill, Holly Anne: Agile Manufacturing
Eines der grossen Kuriosa der agilen Bewegung ist, dass sie sich irgendwann in zwei Varianten aufgespalten hat, die kaum noch verbunden sind, Agile Produktentwicklung und Agile Manufacturing. Zwei Wissenschaftler der Universität von Navarra haben sich mit Agile Manufacturing der weniger bekannten Variante angenommen und erforscht, wie ihr aktueller Anwendungsstand in Europa ist.
