Donnerstag, 18. Mai 2017

Signal vs Noise

FS
Grafik: Flickr/_DJ_ - CC BY-SA 2.0
"What did I do yesterday?", "What will I do today?", "Do I see any impediment?" Zahllose Scrum Teams auf der ganzen Welt stellen sich jeden Tag diese Fragen in ihrem Daily Standup - und viele von ihnen beantworten sie falsch. Vermutlich ist das nicht zielführende Beantworten sogar der häufigste Fehler der bei Scrum-Implementierungen gemacht wird, und dazu einer der weitreichende Folgen hat. Er kann die Akzeptanz des Meetings und sogar der gesamten Methode schwer in Mitleidenschaft ziehen.

Wie sähe so ein entgleistes Daily Standup aus? Zum Beispiel so:
  • Entwickler I: "Gestern habe ich mit der GUI angefangen, aber dann kam der Linienmanager mit einem Meeting für die Ressourcenplanung des neuen Projekts für nächstes Jahr, nachher gehe ich in das Folgemeeting dazu, dann mache ich mit der GUI weiter."
  • Entwickler II: "Ich musste gestern den kritischen Bug fixen der aufgetreten ist. Danach hatte ich die Schulung zum Nothelfer beim Betriebsarzt, da haben wir geübt wie man den Defibrilator bedient. Ach ja, und ich ziehe nachher den Unit Test nach."
  • Entwickler III: "Ich bin gestern zu nichts gekommen, da ich Ausbilder Schmidt bei den Werkstudenten vertreten musste. Der fällt wegen Beinbruch für unbestimmte Zeit aus. Das geht nachher noch weiter, danach schaue ich was liegengeblieben ist."
  • Entwickler IV: "Ich hatte ein Problem mit dem SAP-Stundenbuchungstool. Irgendwie war das kaputt, so dass ich fast den ganzen Tag beim IT-Support verbracht habe. Ich arbeite als nächstes an der Import-Funktion."
  • Entwickler V: "Ich war auch in dem Meeting für die Ressourcenplanung des neuen Projekts für nächstes Jahr, das war echt ätzend. Ich frage mich immer warum wir da jetzt schon hinmüssen. Na egal. Nachher mache ich das Code Review für den Bug."

Ob irgendjemand nach diesem Meeting sagen kann auf welchem Arbeitsstand das Team im Augenblick ist? Eher nicht. Die Entwickler haben relevante und irrelevante Informationen wild durcheinandergewürfelt, sind zum Teil ins Anekdotische abgeglichen und waren dafür an anderer Stelle nicht spezifisch genug. Alle Teilnehmer sind zu ständigen Context Switches gezwungen und müssen ausserdem versuchen die irrelevanten Informationen zu erkennen und auszufiltern, was schwieriger ist als man denken sollte.

In der Kommunikationswissenschaft spricht man in diesem Zusammenhang von der aus der aus der Nachrichtentechnik entlehnten Signal-to-noise ratio (dem Verhältnis zwischen Nutzsignal und Rauschen): wenn die irrelevanten Informationen (Noise, bzw. Rauschen) einen bestimmten Grad überschreiten beginnen sie die relevanten Informationen (das Nutzsignal) so zu überlagern, dass sich beide nur noch schwer auseinanderhalten lassen. Für den Empfänger kann dieser Effekt anstrengend und nervig sein, weshalb er mit hoher Wahrscheinlichkeit beginnen wird das Daily Standup negativ zu konnotieren. Im schlimmsten Fall kann diese Sicht sogar auf die gesamte Methode übertragen werden.

Der Witz an dieser Geschichte ist - den Schöpfern von Scrum war diese Problematik durchaus bewusst. Sie haben sogar in der Methode eine Vorkehrung eingebaut die ihr entgegenwirken soll, aber leider von vielen Teams ignoriert wird. Zur Erinnerung: "What did I do yesterday?", "What will I do today?", "Do I see any impediment?" ist nicht das was der Scrum Guide vorgibt. Er formuliert es stattdessen so: "What did I do yesterday that helped the Development Team meet the Sprint Goal?", "What will I do today to help the Development Team meet the Sprint Goal?", "Do I see any impediment that prevents me or the Development Team from meeting the Sprint Goal?

Hinter dieser etwas umständlichen Formulierung verbirgt sich nichts anderes als der Hinweis darauf, sich im Daily Standup bitte auf die Punkte zu beschränken die für die Produktentwicklung sinnvoll sind. Mit anderen Worten - bitte nur Signal und kein Noise. Teams die sich daran halten können in ihren täglichen Meetings wesentlich effizienter kommunizieren und empfinden sie als deutlich weniger anstrengend. Es ist daher ein lohnenswertes Ziel darauf hinzuarbeiten.
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