Dienstag, 27. November 2018

Gesetz der Penetranz der negativen Reste

FS
Bild: Public Domain Pictures / Ian Bunyan - CC0 1.0
Alleine der Name ist so schräg, dass man versucht ist herauszufinden was sich dahinter verbirgt. Das "Gesetz der Penetranz der negativen Reste" setzt sich mit dem Phänomen auseinander, dass die Lösung von Problemen bei vielen Menschen nicht dazu führt, dass sie mit ihrer Gesamtsituation zufriedener sind. Im Gegenteil bleibt der Grad der Unzufriedenheit durchgehend gleich, er konzentriert sich lediglich auf einen immer kleineren Problem-Restbestand.

Der Philosoph Odo Marquard, Schöpfer des Begriffs, definiert ihn so: Wo Fortschritte … wirklich erfolgreich sind und Übel wirklich abschaffen, da wecken sie selten Begeisterung. Sie werden vielmehr selbstverständlich, und die Aufmerksamkeit konzentriert sich dann ganz und gar auf jene Übel, die übrigbleiben. Da wirkt das Gesetz der zunehmenden Penetranz der Reste: ... Wer – fortschrittsbedingt – unter immer weniger zu leiden hat, leidet unter diesem Wenigen immer mehr.

Ursprünglich stammt dieses "Gesetz" aus Beobachtungen im Bereich der Medizin, wo sich trotz immer besserer Gesundheit der Gesamtbevölkerung die Sorgen um die eigene Gesundheit halten und auf immer nachrangigere Aspekte konzentrieren. Zum Teil kann es dort sogar in Extreme wie Medikalisierung und Pathologisierung umschlagen. Übertragen lässt es sich aber auch auf die Organisationsentwicklung, bzw. die zu dieser gehörenden Optimierungsprozesse.

Geht man davon aus, dass auch hier Fortschritte dazu führen, dass die verbleibenden Probleme pathologisiert und mit dauerhaft gleichbleibender Energie bekämpft werden, hat man eine Erklärung für den in vielen Organisationen anzutreffenden Drang zur "Über-Optimierung". Die scheinbare Irrationalität, mit der selbst kleinste Einspar- und Effizienzpotentiale hartnäckig verfolgt werden, wird plötzlich erklärbar.

Das Problem ist, dass es hier anders als beim Gesundheitsempfinden nicht bei Übersensibilität und Hypochondrie bleibt. Das Gesetz der Penetranz der negativen Reste kann schwerwiegende wirtschaftliche Folgen haben: nicht nur wegen des immer unverhältnismässiger werdenden Verhältnisses zwischen Optimierungs-Aufwand und Ertrag, sondern auch wegen der früher oder später fast zwangsläufig auftretenden Beeinträchigung elementarer Funktionen.

Getrieben von dem Drang auch kleinste Dysfunktionen aufzuspüren ist in vielen Organisationen ein derart engmaschiges und aufwändiges Reporting und Controlling entstanden, dass die Erfüllung der damit verbundenen Vorgaben einen Grossteil der Arbeitsleistung bindet. Die wertschöpfenden Tätigkeiten gehen dagegen immer weiter zurück, mitunter soweit, dass die erwirtschafteten Gewinne die entstandene Bürokratie nicht mehr finanzieren können.

Um die damit verbundenen Folgen (die im schlimmsten Fall bis zur Insolvenz reichen können) abzufedern empfiehlt sich eine regelmässige Überprüfung aller zur Zeit laufenden Optimierungsmassnahmen. Welches Ziel sollen sie erfüllen, welcher wirtschaftliche Effekt soll damit erreicht werden und wie hoch sind die dem gegenüberstehenden Verwaltungs- und Bürokratiekosten? Und bei lokalen Optimierungen: was sind deren Auswirkungen auf das Gesamtsystem?

Wenn es gelingt durch solche Evaluierungen die Stellen zu identifizieren, an denen das Gesetz der Penetranz der negativen Reste zu Überoptimierungen geführt hat, kann deren Abschaffung befreiend wirken. Je nach Kontext kann die dadurch mögliche (Wieder)Zunahme an Effektivität und Flexibilität sogar so gross sein, dass ihre Rücknahme bereits die Effekte einer agilen Transition hat, ganz ohne Scrum Master, Standup Meetings & Co.
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