Montag, 10. Juni 2019

Der vergessene Ursprung von Scrum

FS

Eigentlich könnte man denken, dass über die Ursprünge von Scrum alles bekannt ist. Die Grundidee wurde in den 80er Jahren von japanischen Fabrikteams entwickelt und von Hirotaka Takeuchi und Ikujiro Nonaka in ihrem bahnbrechenden Artikel im Harvard Business Review The New New Product Development Game beschrieben, in dem auch erstmalig das Wort Scrum auftaucht. Ab 1993 wurden diese Erkenntnisse von Ken Schwaber und Jeff Sutherland auf die IT übertragen und 1995 wurde das so entstandene Vorgehensmodell der Öffentlichkeit vorgestellt. Zumindest ist das die weitverbreitete Annahme.

Was in diesem Zusammenhang wenig beachtet wird ist ein Buch aus dem Jahr 1990, das den Titel Wicked Problems, Righteous Solutions trägt und von zwei Amerikanern namens Peter DeGrace und Leslie Hulet Stahl verfasst wurde. DeGrace und Stahl wollten in diesem Werk die Probleme aufzeigen die durch die Anwendung eines Wasserfall-Vorgehens auf einen Softwareentwicklungsprozess enstehen und mögliche Alternativen erörtern. Neben anderen, mittlerweile vergessenen Ansätzen wie Whirlpool, Sashimi und Hollywood stellten sie auch einen namens Scrum vor, der auf autonomen, crossfunktionalen selbstorganisierten Teams beruht.


Nun könnte diese inhaltliche Ähnlichkeit, zeitliche Nähe und gleiche Benennung auch Zufall sein, es gibt aber Indikatoren dafür, dass Schwaber und Sutherland das Buch von DeGrace und Stahl kannten. Der offensichtlichste unter ihnen ist die Benennung: beide beriefen sich auf den oben genannten Artikel von Takeuchi und Nonaka, The New New Product Development Game. Was dabei leicht übersehen werden kann - in ihm wird das Vorgehen als Rugby Approach beschrieben, das Wort Scrum kommt nur einmal vor, und das an einer wenig prominenten Stelle. Es namensgebend zu übernehmen ist keineswegs naheliegend.


Ein zweiter Indikator ist der, dass überhaupt auf den Harvard Business Review-Artikel verwiesen wird, was voraussetzt dieses Magazin überhaupt gelesen zu haben. Aus heutiger Sicht erscheint das zwar nicht ungewöhnlich, eine so bekannte Publikation wird vielen Menschen gekauft worden sein. Man darf aber eines nicht vergessen: in ihm geht es um die Fertigung von Hardware in japanischen Fabriken. Das auf die Software-Industrie zu übertragen ist keineswegs etwas Naheliegendes worauf man schnell kommen würde.


Ein dritter Indikator ist schliesslich, dass sich einer der zentralen Slogans des heutigen Scrum bereits im Buch von DeGrace und Stahl findet. Es ist das kontrovers diskutierte doing twice the work in half the time. In Wicked Problems, Righteous Solution wird es noch weniger griffig formuliert, es heisst dort you further unsettle the team by saying that their job is to produce the system in, say, half the time and money and it must have twice the performance of other systems. Anders, aber klar widererkennbar.


Zur Ehrenrettung von Schwaber und Sutherland muss man ergänzen, dass viele der heute zentralen Elemente von Scrum bei DeGrace und Stahl noch nicht zu finden sind. Es gibt keinen Scrum Master, keine Sprints und keine Retrospektiven. Andere, wie z.B. die Incrementelle Lieferung, kommen zwar vor, werden aber separat von Scrum erläutert. Scrum im heutigen, engeren Sinn haben sie also erfunden. Trotz allem bleibt aber der Verdacht, dass die beiden sich anfänglich bei Wicked Problems, Righteous Solution bedient haben ohne es zu sagen.
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