Montag, 12. April 2021

The agile Bookshelf: Mutual Aid - A Factor of Evolution

Bild: Wikimedia Commons / Nadar - Public Domain

Er dürfte eine der ungewöhnlichsten Biografien der letzten Jahrhunderte haben. Geboren wurde Pjotr Kropotkin in eine russische Adelsfamilie, er wurde Page des Zaren, Offizier an der chinesischen Grenze, Natur- und Geografieforscher in Sibirien, Anarchist, politischer Gefangener, Gefängnisausbrecher, Journalist in der Schweiz, Schriftsteller in England, Menschen- und Bürgerrechtsaktivist. Und aus diesem ungewöhnlichen Leben entstand ein ungewöhnliches Buch.


Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt wurde von ihm 1902 in England veröffentlicht und später in verschiedene Sprachen übersetzt. Es stellt nicht weniger dar als den Versuch nachzuweisen, dass nicht etwa Konkurrenz und Wettbewerb sondern Kooperation und gegenseitige Unterstützung die Grundprinzipien sind an denen sich sowohl die Natur als auch die meisten menschlichen Gesellschaften ausrichten. Sowohl das Über- als auch das Zusammenleben von Menschen und Tieren basiert in dieser Sicht auf gegenseitiger Hilfe.


Man kann Kropotkins Buch vor allem als Gegenschrift zu den Werken zweier berühmter Engländer sehen, Charles Darwin und Thomas Hobbes. Anders als Darwin, der als erster die Evolution beschrieben hatte, ging Kropotkin davon aus, dass nicht in erster Linie die stärksten oder am besten angepassten Tierarten die erfolgreichsten sind (→ Survival of the Fittest) sondern vor allem die deren Angehörige sich am effektivsten bei Nahrungssuche, Selbstverteidigung und Aufzucht des Nachwuchses unterstützen.


Auf die menschlichen Gesellschaften bezogen vertrat Kropotkin eine Gegenposition zu Hobbes. Dieser war davon ausgegangen, dass die Menschen im Naturzustand ständig miteinander um Ressourcen und Macht kämpfen würden (→ der Krieg aller gegen alle), was Kropotkin mit zahlreichen Beispielen aus verschiedenen Gesellschaften widerlegte, darunter Eingeborenenstämmen in Asien und Afrika, antiken Reichen und Völkern, mittelalterlichen Städten und modernen Kommunen und Genossenschaften.


Für die Gegenwart anwendbar wird sein Werk dadurch, dass sich die ihm widersprechenden Gegenthesen bis heute gehalten haben. Auch ohne die Urheberschaft durch Darwin und Hobbes zu kennen oder zu nennen wird immer wieder mit ihren Standpunkten argumentiert wenn begründet werden soll warum ein selbstorganisiertes oder weitgehend hierarchiefreies Arbeiten in Konkurrenzkämpfe oder Chaos führen würde wenn man es zuliesse.


Das mit einem Verweis auf einen vor langer Zeit verstorbenen russischen Fürsten bestreiten zu wollen dürfte zwar nur wenig zielführend sein, was man aber machen kann ist seine zahlreichen Beispiele aufgreifen um zu zeigen, dass Selbstorganisation und Gruppenentscheidungen schon seit Menschengedenken gut funktionieren, gewissermassen also Good Practices sind.


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Und übrigens: wer jetzt neugierig geworden ist kann sich das Buch hier im englischen Original herunterladen. Mehr als 100 Jahre nach Kropotkins Tod ist die Schutzfrist vorbei und sein Werk frei verfügbar. Einfach auf die nächste Zeile klicken.

Mutual Aid: A Factor of Evolution, by Knjaz Pjotr Alexejewitsch Kropotkin

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