Freitag, 25. Juni 2021

Regression zum Rand (II)

Die Regression zum Rand, also die bei komplexen Vorhaben häufig zu betrachtende immer stärker zunehmende Abweichung der Umsetzungsaufwände von der ursprünglichen geschätzten Grösse, hatte ich bereits erwähnt. Zurückkehend auf den Wirtschaftswissenschaftler Bent Flyvberg beschreibt sie ein grundlegendes Phänomen, wie dieses im Einzelfall zu Stande kommt bleibt aber offen (was auch zwangsläufig ist, je nach Art des Vorhabens kann das sehr unterschiedliche Gründe haben).


Was schon eher definiert werden kann sind die Gründe die eine Regression zum Rand in einer ihrer Kategorien wahrscheinlich werden lassen, und aus einer von ihnen bringe ich mehr als ein Jahrzehnt Erfahrung mit, so dass ich mir hier ein Urteil anmasse - die Rede ist von grossen IT-Projekten, und wer schon in ihnen gearbeitet hat weiss, dass immer stärker werdende Ausschläge bei Kosten und Zeit in ihnen nicht nur häufig sondern typisch sind.


Dass das so ist liegt an einem in sehr vielen grösseren Organisation vorzufindenden Verhaltensmuster: wenn einzelne Phasen oder Meilensteine länger dauern oder mehr kosten als gedacht führt das nur selten zur Aktualisierung des Gesamtplans.1 Statdessen wird dieser unverändert gelassen und es wird versucht die Verspätung, bzw. Kostenüberschreitung dadurch auszugleichen, dass später folgende Arbeitsabschnitte schneller oder billiger durchgeführt werden.


Auch hier lohnt es sich noch einmal genauer hinzublicken, denn bei der Entscheidung zukünftig schneller und billiger zu arbeiten zu wollen kommen andere Argumente zum Tragen als man denken sollte. Wichtig ist nicht, dass es machbar ist, wichtig ist, dass es wünschenswert ist, weil man sich dadurch eine grosse Neuplanung ersparen kann. Das kann so weit gehen, dass es für das "schneller und billiger" nichtmals eine Machbarkeitsanalyse gibt (mehr zu den dahinter stehenden Motivationen steht hier).


Als Folge landen bei den Teams widersprüchliche Anweisungen: auf der einen Seite sollen Zeit und Geld gespart werden, auf der anderen Seite sind Abstriche bei Umfang, Qualität und Geschwindigkeit nicht vorgesehen. Nachfragen werden entweder mit Plattitüden beantwortet (z.B. "don't work harder, work smarter") oder mit kaum kaschierten Aufforderungen Überstunden zu machen (ein Klassiker: "man muss auch mal bereit sein die Extrameile zu gehen").


Die damit konfrontierten Teams reagieren in der Regel zu Beginn mit Protesten, wenn diese nichts bringen aber meistens damit, dass "die aus Management-Perspektive unsichtbare Arbeit" (Architektur, Dokumentation, Testabdeckung, etc.) in spätere Phasen verschoben wird. Manchmal geschieht das heimlich (mehr dazu hier), manchmal aber auch ganz offen ("das ziehen wir gerade wenn wir wieder Zeit haben"), oft mit Schein-Rationalisierungen als Begründung ("alles erst ganz zum Schluss zu testen ermöglicht uns ja auch die Nutzung von Skaleneffekten").


Kurzfristig kann ein derartiges Vorgehen zwar durchaus für Beschleunigung sorgen, mittel- und langfristig wird aber das Gegenteil bewirkt: durch das Fehlen von Architektur, Dokumentation, Testabdeckung und Ähnlichem dauern alle folgenden Arbeiten deutlich länger. Zum Einen bedeutet das, dass "die Zeit in der man Dinge wieder geradeziehen kann" nie kommt, zum Anderen, dass immer neue Verspätungen entstehen, die in Summe immer grösser werden. Die Regression zum Rand hat damit begonnen.


Zeit für gute Nachrichten. Erstens: die Die Regression zum Rand ist kein Naturgesetz, man kann sie brechen, wenn es wirklich möchte. Und Zweitens: in Lean Management und agiler Produktentwicklung findet man die Werkzeuge dafür, z.B. Andon oder Scrumble. Alle laufen auf das Selbe hinaus - das Entgleisen von Plänen führt nicht dazu, dass man versucht das Wunschergebnis zu erzwingen, sondern dazu, dass jedes mal (!) alle Arbeiten angehalten werden (!!) bis die Ursache gefunden und behoben ist.


Natürlich bedeutet das, dass man sich ggf. schon sehr früh von den ursprünglich geplanten Zieldaten verabschieden muss, genau wie von der Hoffnung den Rückstand doch irgendwie aufholen zu können. Und dafür braucht es das Bewusstsein, dass diese Hoffnung fast immer hochgradig unrealistisch ist und der Versuch sie wahr werden zu lassen alles eher noch schlimmer macht als irgendwie besser (hier hift es  übrigens sehr, eine gesunde Fehlerkultur zu haben).


Für alle die dazu bereit sind gibt es die dritte gute Nachricht zum Schluss: sie werden das Gegenteil der Regression zum Rand erleben, die Regression zur Mitte. In ihr folgt immer wieder auf Überschreitungen von Kosten und Zeiträumen eine ähnlich grosse Unterschreitung, was möglich wird durch die Effektivitäts- und Effizienzgewinne die durch die ständigen und sofortigen Behebungen aller Probleme entstehen. Das ist doch mal eine Verheissung.


1Was meistens nicht an den handenden Personen liegt, sondern daran, dass die Prozesse so designed sind, dass das Ändern grosser Pläne extrem aufwändig ist oder für die eigene Karriere negative Auswirkungen hat

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