Die agile Schleife
Die ikonische Schleife, die fast durchgehend zur Visualisierung der verschiedenen agilen Vorgehensmodelle genutzt wird, ist immer wieder zum Gegenstand von Spott und Kritik geworden. Dadurch, dass sie sich nach kurzer Aufwärtsbewegung nach hinten wölbt, kommt man am Ende wieder da an, wo man gestartet ist. Für viele Kritiker ist das auch die tragische aber treffende Beschreibung der agilen Bewegung, 25 Jahre nachdem sie im Februar 2001 auf einer Skihütte gestartet wurde.
Tatsächlich sind Projektmanagement und Softwareentwicklung in vieler Hinsicht wieder dort angekommen, wo sie damals bereits waren: schwergewichtige, bürokratische Prozessvorgaben werden an der Spitze grosser Organisationen definiert und den auf Effizienz statt auf Effektivität getrimmten Einheiten übergestülpt, Abhängigkeiten werden gemanaged statt aufgelöst und innerhalb der so gebildeten Prozess-Schicht bestehen prozesszentrierte, von der eigentlichen Arbeit entkoppelte Berufe.
Die Pointe: all das geschieht mittlerweile unter dem Label "Agile", also ausgerechnet jener Begrifflichkeit, die ursprünglich als Gegenwurf zu all dem gerade Gesagten entwickelt wurde. Die schwergewichtigen Prozessvorgabwn sind die Skalierungsframeworks, innerhalb derer die Effizienz der Teams an der Velocity ihres Outputs gemessen wird, koordiniert von einer Prozessschicht aus (Proxy-) Product Ownern, Scrum Mastern, Agile Coaches, Solution Managern und Release Train Engineers.
War also alles umsonst? Nicht unbedingt. Der Spott über die im Rahmen ihrer Schleifenform stehts zum Ausgangspunkt zurückkehrenden agilen Iterationen übersieht nämlich etwas Zentrales: jede einzelne Wiederholung führt zu Lerneffekten, und jeder neue Durchlauf ist dadurch anders (und oft besser) als die davor - was auch bedeuten kann, dass man dafür zurück auf Los gehen muss. Das gilt in der digitalen Produktentwicklung, es gilt aber genauso in der Weiterentwicklung der agilen Vorgehensmodelle selbst.
In dem Vierteljahrhundert seit der Erfindung des Begriffs der Agilität in den schneebedeckten Bergen haben zahlreiche derartige Lernschleifen stattgefunden. Reine Teamzentrierung führt zu Machtlosigkeit, zu grosse Management-Nähe dagegen zu Entkoppelung von der Praxis. Zu grosse Technik-Nähe führt zurück in organisatorische Silos, ein zu grosser Abstand zur Technik dagegen zu Meeting-Theater und Machbarkeitsphantasien. Jede dieser Schleifen hat geschmerzt, jede war wertvoll.
Denn auch das gehört zum Gesamtbild - vorgegebene Prozesse, Effizienzfixierung und umfangreiches Abhängigkeitsmanagement sind zwar wieder (oder immer noch) da, aber sie werden anders gesehen: nicht mehr als zwangsläufig richtig, sondern als notwendiges Übel, das es immer wieder zurückzuschneiden gilt. Und bei aller Problematik, die in der Aussage steckt, dass der Scrum Master sich selbst überflüssig machen soll - diese Sicht ist ein Paradigmenwechsel.
Und sogar sich selbst stellt die agile Bewegung in Frage. Der sich gerade vollziehende Abschied von Zertifizierungs-Kommerzialisierung, formalisierten Meeting-Ritualen und sich jeglicher Verantwortung verweigernden Methoden-Coaches mag sich oberflächlich betrachtet wie die Trennung von einem gescheiterten methodischen Ansatz anfühlen, man kann ihn aber auch als Teil des agilen Lernschleifen-Durchlaufs sehen. Wir haben dazugelernt, trennen uns von Fehlentwicklungen und starten neu.
Natürlich wird auch das wieder mit Skepsis und Ablehnung begleitet werden, mit Appellen, doch stattdessen auf "bewährte" Methoden zu setzen und mit dem Verweis darauf, dass dezentrale Selbstorganisation angeblich noch nie funktioniert hätte, was mittlerweile ja bewiesen wäre. Mit anderen Worten: die agile Bewegung ist zurück in der Rolle des Underdogs, dem man die Wirksamkeit seiner Ideen erst glaubt, wenn es sie beweisen kann. Sollte uns das Sorgen machen?
Ganz im Gegenteil: eine idealere Startbedingung für ihre nächste Iteration, die basierend auf evidenzgetriebenem Lernen besser sein kann als die davor, gibt es nicht.
