Moderne Hofnarren
Schon seit langem gibt es in den menschlichen Gesellschaften Bemühungen, in großen Organisationen Positionen zu schaffen, die (bis zu einem gewissen Grad) von Anstand und Hierarchie befreit sind, um unangenehme Wahrheiten aussprechen zu können. In der Antike war es der Diener, der den siegreichen römischen Kaiser an seine Sterblichkeit erinnerte, im Mittelalter waren es die Hofnarren und später die Kabarettisten, die herrschende Personen und vorherrschende Ideen ungestraft angreifen durften.
Die Grundidee hinter diesen Traditionen war, dass die für die unangenehmen Wahrheiten zuständige Person gleich doppelt frei von Bedenken sein konnte: zum einen war sie durch ihre Narren-Stellung von zukünftigen Führungspositionen ausgeschlossen, und musste sich daher keine Sorgen darum machen, durch zu grosse Offenheit ihre Karriere zu gefährden. Zum anderen war sie durch die sprichwörtliche Narrenfreiheit vor Sanktionen durch die von ihr blossgestellten Mächtigen geschützt.
Auch in der Welt der moderenen Wirtschaft gibt es immer wieder Bemühungen, vergleichbare Rollen zu schaffen, die den Finger in die Wunde legen und ungestraft Group Think, Hierarchiegläubigkeit, Methodismus und unrealistischen Planungsoptimismus beim Namen nennen dürfen. Der amerikanische Ökonom Russell Ackoff prägte dafür in einem 1993 erschienenen Artikel den Begriff des "Corporate Jester", ungefähr übersetzbar mit dem "Unternehmens-Hofnarren".
Derartige Positionen hat es tatsächlich immer wieder gegeben (am vermutlich bekanntesten in Person von Paul Birch, dessen Position bei British Airways tatsächlich den Namen Corporate Jester trug), und auch im Rahmen der agilen Frameworks ist sie immer wieder als anzustrebende Positionierung genannt worden. Gerade für die Rollen des Scrum Masters und des Agile Coaches, denen so die Möglichkeit gegeben werden soll, Missstände in der Organisation zu thematisieren, ohne sich selbst zu beschädigen.
Dieser Ansatz kann auch tatsächlich funktionieren, ich habe in verschiedenen Unternehmen Menschen kennengelernt, die in der modernen Hofnarren-Rolle ihre Erfüllung gefunden haben, in ihr aufgegangen sind und für sie geschätzt wurden - bis hin zu dem Punkt, dass sie bewusst in Entscheidungsrunden eingeladen wurden, um dort durch das Infragestellen scheinbarer Gewissheiten die Diskussionen offener und kritischer zu gestalten.
Was aber auch klar sein muss: diese Positionierung kommt häufig mit einem Preis. Genau wie im Mittelalter werden auch vielen modernen Hofnarren ihre schmerzhaften Wahrheiten vor allem dann verziehen, wenn sie aus einer Position der tatsächlichen Machtlosigkeit heraus erfolgen. und nicht selten wird dafür gesorgt, dass sie in dieser auch verbleiben müssen - nicht einmal zwangsläufig aus Rache, oft einfach dadurch, dass für diese Rollen keine weiteren Aufstiegsmöglichkeiten vorgesehen sind.
Eine Möglichkeit um diesem Dilemma zu entgehen, ist der gezielte Einsatz in bestimmten Kontexten (gewissermassen als "situativer Corporate Jester"), während das Auftreten in anderen Zusammenhängen zurückhaltender und seriöser ist. In gewisser Weise ist man dann eher der Karnevalist als der Hofnarr - zu bestimmten Zeiten respektlos und rebellisch, im restlichen (Berufs-)Leben eine respektierte Stütze der Gesellschaft. Funktioniert besonders gut im Rheinland, aber nicht nur dort.
