Dienstag, 14. Juli 2015

Die Entfremdung des Programmierers von seiner Arbeit

FS
Bild: Flickr/Vinoth Chandar - CC BY 2.0

Der Gegenstand, den die Arbeit produziert, ihr Produkt, tritt ihn als ein fremdes Wesen, als eine von dem Produzenten unabhängige Macht gegenüber. [...] Ja, die Arbeit selbst wird zu einem Gegenstand, dessen er nur mit der größten Anstrengung und mit den unregelmäßigsten Unterbrechungen sich bemächtigen kann.
Manchmal höre ich von Abteilungsleitern und Managern, dass sie bei ihren Besuchen auf den Scrum-Projekten ihrer Firmen nicht mehr das Gefühl haben, dass dort noch mit Computern gearbeitet wird.1 Statt am Rechner zu sitzen stehen die Programmierer an Flipcharts, bewegen Zettel an riesigen, wandbedeckenden Boards, halten Pokerkarten hoch, werfen sich Bälle zu und beschriften Moderationskarten. Der Wunsch doch mehr die digitalen Projektmanagement-Werkzeuge zu benutzen, die eigene Arbeit über Ticket-Tools nachvollziehbar zu machen und es generell "etwas mehr nach IT aussehen zu lassen" wird häufig vehement abgelehnt, mit den Begründungen "nicht immer sitzen zu können", "die haptische Erfahrung zu brauchen", "Dinge physisch bewegen zu wollen" oder einfach "mal was anderes in der Hand haben zu wollen als die Tastatur".

Beides, das Bedürfnis nach körperlicher Bewegung und den Wusch nach der haptischen Erfahrung habe ich mittlerweile derartig häufig in verschiedenen Teams miterlebt und auf Scrum Master-Selbsthilfegruppen Agile Meetups erzählt bekommen, dass ich kaum umhin kann, darin ein verbreitetes, über Einzefälle deutlich hinausgehendes Phänomen zu sehen. Hier rächt sich vermutlich der geisteswissenschaftliche Hintergrund, denn irgendwie drängt sich mir eine bestimmte Deutung auf. Meine steile These: die Ursache dürfte jene sein, die der oben erwähnte Karl Marx vor langer Zeit als die Entfremdung, Entäusserung oder Entwirklichung der Arbeit beschrieben hat.2 Selbst wenn Marx es seinerzeit eher auf die Industriearbeiter bezogen hat kann man es gut auf die gegenwärtige IT-Branche anwenden: Datenbankmigrationen, Code-Refactorings, Content-Verteilungen und ähnliche Tätigkeiten finden auf einer derartig abstrakten Ebene statt, dass sie selbst demjenigen surreal erscheinen, der täglich mit ihnen zu tun hat. Weder sind die Ergebnisse dieser Tätigkeiten geeignet im eigenen Alltag eingesetzt zu werden noch sind sie fassbar oder vorzeigbar; der letztendliche Nutzer bleibt (wenn er denn überhaupt existiert) unsichtbar und unidentifizierbar. Noch einmal mit den Worten von Marx:

Die Entfremdung drückt sich so aus, [...] daß immer mehr die sinnliche Außenwelt aufhört, ein seiner Arbeit angehöriger Gegenstand, ein Lebensmittel seiner Arbeit zu sein; zweitens, daß sie immer mehr aufhört, Lebensmittel im unmittelbaren Sinn, Mittel für die physische Subsistenz des Arbeiters zu sein.
Etwas weniger verschwurbelt könnte das durchaus der Gefühlsausbruch einer zeitgenössischen Fachkraft sein, den er da von sich gibt. Ironie der Geschichte: erst in der postindustriellen Computerwelt bewahrheitet sich damit das, was Marx eigentlich als zwangsläufige Folge industrieller Fertigungsmethoden sehen wollte. Ausgerechnet der Programmierer, der vermutlich am wenigsten ausgebeutete und in seinem Tun freieste Arbeiter der jüngeren Wirtschaftsgeschichte, fühlt sich dem Produkt seines Schaffens in einer Form nicht verbunden, die der Kommunismus eigentlich dem Malocher an Fließband oder Hochofen unterstellt hat. Noch weiter gedacht: Wenn die Entfremdung des Menschen von seiner Arbeit Teil jener bedrückenden Erfahrung ist, die den Arbeiter gegen das Joch der Bourgeoisie aufbegehen lässt, was dann in der kommunistischen Herrschaftsübernahme mündet; und wenn andererseits die haptischen und spielerischen Elemente, die inhärenter Teil von Scrum sind, diese Entfremdung zu lindern vermögen - dann würde das in Konsequenz bedeuten, dass diese bescheidene Projektmanagement-Methodik durch Placebo-Effekte der Bewusstwerdung des Entwicklers als revolutionäres Subjekt entgegenwirkt. Demnach wäre Scrum (ein letztes Marx-Zitat) einsetzbar als eine weitere Variation von Opium für das Volk.

Ein berauschender Gedanke. Oder ein bekloppter. Oder beides.3

1Was natürlich auch daran liegen kann, dass sie vor allem zu Meetings erscheinen.
2Nicht dass ich Marxist wäre. Seine Theorien sind eher wirr, enthalten aber manchmal interessante Denkansätze.
3Und vielleicht war ich auch bei Verfassen dieser Zeilen selber berauscht. Man weiss es nicht.
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