Montag, 26. Oktober 2015

Agile wird in Vergessenheit geraten

FS
Bild: Flickr/Wandering Soul - CC BY 2.0
Zugegeben, ein etwas reisserischer Titel, aber die Essenz meiner Ideen die ich am Wochenende auf der Agile Cologne in eine Session mit dem Dauerbrennerthema Die Zukunft agiler Methoden eingebracht habe. Und falls das angesichts meiner bisherigen Aussagen verwirren sollte kann ich das sogar noch verstärken: Agile wird in Vergessenheit geraten - und das ist eine gute und wünschenswerte Entwicklung.

Um das zu erklären möchte ich Agilität mit zwei anderen, älteren Ansätzen vergleichen, die die Wirtschaft in ähnlicher Art und Weise revolutioniert haben wie die Agilität es gerade tut: mit Standardisierung und Fordismus. Die Standardisierung war eine um 1800 einsetzende Bewegung deren Ziel es war, Maße und Einheiten, aber auch Produkte, so zu vereinheitlichen, dass sie universal anwendbar wurden. Erst durch die Standardisierung wurde es beispielsweise möglich, dass sich Schrauben und Muttern oder Knöpfe und Knopflöcher1 unabhängig voneinander herstellen lassen und trotzdem zueinander passen. Der Fordismus baute etwa 100 Jahre später darauf auf und optimierte (und verbilligte damit) die Fertigung der standardisierten Gegenstände in arbeitsteiligen Fertigungsstrassen, in denen beispielsweise Marmeladengläser erst auf ein Fließband gestellt, dann gefüllt, dann verschlossen und dann verpackt werden. Es ist ersichtlich: ohne die beiden Konzepte der Standardisierung und des Fordismus wären weder Industrielle Revolution noch Konsumgesellschaft möglich gewesen. Unser gesamtes modernes Wirtschaftssystem beruht darauf. Trotzdem kennt kaum noch jemand diese Begriffe.2

Dass diese Ansätze heute nahezu unbekannt sind liegt allerdings nicht daran, dass sie nicht mehr genutzt werden, ganz im Gegenteil. Sie sind nach wie vor allgegenwärtig. Zumindest die (Hardware)produzierende Industrie wäre ohne sie überhaupt nicht vorstellbar. Sie sind sogar derartig selbstverständlich geworden, dass es gar nicht mehr notwendig ist sie zu erwähnen - jeder Mensch erkennt (zumindest implizit) ihre universelle Bedeutung und Berechtigung, ohne dass das noch ausgesprochen werden müsste. Und an der Stelle kommen wir zurück zu Agile: Im Moment ist es noch so, dass agile Methoden von vielen als etwas Neues, Disruptives und Erklärungsbedürftiges angesehen werden. Gleichzeitig werden sie aber im Umfeld komplexer Faktoren immer üblicher, in der IT sind sie mittlerweile sogar der de facto-Standard. Und wie im Fall der Industrieprodukte, bei denen heute ganz selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass sie standardisiert sind, wird es mittelfristig so sein, dass man ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass Projektmanagement praktisch immer agil ist.

Der Begriff agiles Projektmanagement wird vermutlich bereits der nächsten Generation genauso redundant vorkommen wie standardisiertes Industrieprodukt. Man wird das vorangestellte Adjektiv agil einfach weglassen und es wird in Vergessenheit geraten. Und wie oben gesagt: das ist auch gut so.


1Bzw. Kleidung mit Knopflöchern
2Was man kennt ist die Normung, die aber kein Synonym der Standardisierung ist sondern durch sie erst ermöglicht wurde
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