Montag, 15. Februar 2016

(Kein) Sprint-Abbruch

FS
Bild: Wikimedia Commons/Jocelyn Augustino - CC0 1.0

Nebenan auf seiner Seite macht sich der Boeffi gerade Gedanken zum Thema Sprint-Abbruch, was mich zu ein paar eigenen Überlegungen zu diesem Thema inspiriert. Tatsächlich ist mir nämlich aufgefallen, dass ich in den hunderten von Sprints die ich als Scrum Master, Teammitglied, Scrum Coach oder sonstwas erlebt habe kein einziger dabei war, der abgebrochen worden ist. Ich habe darüber noch nie nachgedacht, frage mich aber gerade warum das wohl so ist.

Zunächst das Grundlegende: einen Sprint abzubrechen ist möglich und unter bestimmten Voraussetzungen sogar sinnvoll, weshalb der Scrum Guide sogar einen eigenen Abschnitt zu diesem Thema hat:
Cancelling a Sprint 

A Sprint can be cancelled before the Sprint time-box is over. Only the Product Owner has the authority to cancel the Sprint, although he or she may do so under influence from the stakeholders, the Development Team, or the Scrum Master.

A Sprint would be cancelled if the Sprint Goal becomes obsolete. This might occur if the company changes direction or if market or technology conditions change. In general, a Sprint should be cancelled if it no longer makes sense given the circumstances. But, due to the short duration of Sprints, cancellation rarely makes sense.

When a Sprint is cancelled, any completed and “Done” Product Backlog items are reviewed. If part of the work is potentially releasable, the Product Owner typically accepts it. All incomplete Product Backlog Items are re-estimated and put back on the Product Backlog. The work done on them depreciates quickly and must be frequently re-estimated.

Sprint cancellations consume resources, since everyone has to regroup in another Sprint Planning to start another Sprint. Sprint cancellations are often traumatic to the Scrum Team, and are very uncommon.
Man sieht - das Vorgehen ist klar geregelt. Ich war auch bereits mehrfach in Situationen in denen ein Abbruch Sinn gemacht hätte und meine mich erinnern zu können, dass ich meinen Product Ownern auch zum Abbruch geraten habe. Dazu gekommen ist es nicht.

Rückblickend würden mir mehrere Gründe einfallen, aus denen sich die Product Owner vermutlich dagegen entschieden haben1:
  • Unkenntnis der Scrum-Regeln
  • Dass ich zum Abbruch geraten habe meine ich zu wissen, aber habe ich auch erwähnt, dass das in Scrum möglich und geregelt ist? Kann ich jetzt nicht mehr sagen, es wäre aber eine Möglichkeit. Nicht alle POs die ich hatte kannten sich mit der Methode wirklich aus.
  • Angst vor Strafe oder Gesichtsverlust
  • Ein Klassiker in der deutschen Firmenkultur. Fehler dürfen nicht sein und werden bestraft, und auch ein Verlust an Prestige kann eine Strafe sein. Wenn jetzt das Starten eines später abgebrochenen Sprints als Fehler gewertet wird, dann wird das niemand zugeben wollen und darum nicht abbrechen. In solchen Firmen scheitert Scrum meistens.
  • Falsch verstandenes Eliminate Waste
  • "Wenn wir den Sprint abbrechen war die ganze Arbeit umsonst." An den Spruch kann ich mich tatsächlich erinnern. Sie war natürlich auch so umsonst (sonst hätte sich der Abbruch nicht angeboten), aber mir saß da ein Betonkopf gegenüber.
  • Einheitlicher Sprintrhythmus
  • Der irgendwie noch nachvollziehbarste Grund. Wenn mehrere Teams synchron sprinten sollen, dann muss auf einen abgebrochenen Sprint ein verkürzter oder verlängerter folgen, oder eine sprintfreie Zwischenphase. Alles nicht wirklich ideal.
  • Faulheit
  • Der vermutlich menschlichste Grund. Ein abgebrochener Sprint bedeutet mehr Arbeit: Aufräumarbeiten, mehr Meetings, Rechtfertigung beim Management, etc. Das will sich nicht jeder antun, selbst wenn es eigentlich sinnvoll wäre.

Vom Gefühl her müsste ich jeden dieser Gründe mindestens einmal erlebt haben, könnte aber nicht mehr sagen wie die Verteilung war. Sollte es in Zukunft wieder auftauchen mache ich vielleicht Notizen.


1Natürlich werden wir uns über die Entscheidung unterhalten haben, allerdings habe ich an der Stelle Erinnerungslücken.
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