Donnerstag, 22. Dezember 2016

Ich packe meinen Koffer

FS
Bild: Publicdomainpictures/George Hodan (1, 2, 3) - CC0 1.0
So kann es auch kommen: diese Woche habe ich von dem Scrum Master den ich gerade coache etwas gelernt, nämlich eine Übung die sich gut in Retrospektiven und Management-Workshops einsetzen lässt. Eine eingängige noch dazu, sie beruht auf einem Spiel das in Deutschland so gut wie jeder als Kind gespielt haben dürfte: Ich packe meinen Koffer.

In der Kinderversion geht das Spiel so, dass man der Reihe nach vom Packen eines Koffers erzählt und bei jeder Person einen einzupackenden Gegenstand hinzufügt. Ich packe meinen Koffer und nehme ein Paar Schuhe mit. Ich packe meinen Koffer und nehme ein Paar Schuhe und eine Sonnenbrille mit. Ich packe meinen Koffer und nehme ein Paar Schuhe, eine Sonnenbrille und ein Handtuch mit. Und so weiter. Wer als erstes einen der bereits genannten Gegenstände vergisst hat verloren.

In der Erwachsenenversion steht statt des zu packenden Koffers ein bürokratischer Prozess im Mittelpunkt, beispielsweise ein Produktionsrelease. Für ein Produktionsrelease führe ich einen Code Freeze durch. Für ein Produktionsrelease führe ich einen Code Freeze durch und führe alle Regressionstests aus. Für ein Produktionsrelease führe ich einen Code Freeze durch, führe alle Regressionstests aus und dokumentiere ihre Ergebnisse im Quality Center. Für ein Produktionsrelease führe ich einen Code Freeze durch, führe alle Regressionstests aus, dokumentiere ihre Ergebnisse im Quality Center und lade Screenshots jedes einzelnen Arbeitsschrittes hoch. Für ein Produktionsrelease führe ich einen Code Freeze durch, führe alle Regressionstests aus, dokumentiere ihre Ergebnisse im Quality Center, lade Screenshots jedes einzelnen Arbeitsschrittes hoch und bitte das Testmanagement um die QA-Freigabe. Und so weiter und so weiter.

Das Ziel ist bei dieser Version des Spiels nicht, dass der Satz so lang wird, dass jemand einen Teil vergisst (selbst wenn das vorkommen mag). Das Ziel ist vielmehr, allen Beteiligten klar zu machen wie umfangreich und ausufernd manche Prozessketten geworden sind. Das alleine kann schon einen Mehrwert (Erkenntnisgewinn) bringen, wobei sich der noch steigern lässt. Wenn irgendwann der ganze Bürokratievorgang an der Wand steht kann man nämlich hingehen und einzelne Teile davon streichen, und zwar so lange bis alles weg ist was nicht wirklich notwendig ist. Die durchgestrichenen Passagen auch in der echten Welt abzuschaffen kann dann der Arbeitsauftrag sein mit dem alle das Meeting verlassen.
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