Donnerstag, 23. Januar 2020

Soziale Rolle

FS
Bild: Pixabay / Sasin Tipchai - CC0 1.0
Wenn es ein zentrales Muster geben sollte das praktisch jede auf Selbstorganisation zielende Unternehmenstransition in Schwierigkeiten bringt (und viele an den Rand des Scheiterns), dann besteht es darin, dass die Verantwortlichen sich die nötigen Verhaltensänderungen der Mitarbeiter als zu einfach machbar vorstellen. Das zu realisieren ist nicht immer leicht, denn oft wird die Überzeugung, dass die Betroffenen sich ab sofort anders verhalten können, mit einer scheinbar rationalen Begründung unterlegt. Schauen wir sie uns an.

"In ihrer Freizeit kommen die doch mit komplexen Herausforderungen auch problemlos klar. Die leiten Vereine, organisieren ihre Familien, renovieren ihre Häuser und erziehen ihre Kinder. Verglichen damit ist es doch gar nicht schwer auf der Arbeit ein bisschen mitzudenken und Verantwortung zu übernehmen." Derartige Aussagen klingen im ersten Moment zwar total logisch, umsetzen lassen sie sich aber nicht so einfach. Der Grund dafür liegt in der Psychologie.

In der Sozialpsychologie geht man davon aus, dass es ein Phänomen gibt, dass sich "Soziale Rolle" nennt. Ihm zufolge hat das Verhalten das wir anderen Menschen gegenüber an den Tag legen Züge eines Schauspiels. Je nachdem wer das aktuelle "Publikum" ist werden in ihm unterschiedliche Rollen eingenommen. Das kann jeder an sich selbst überprüfen: den Eltern gegenüber tritt man anders auf als dem Ehepartner, dem gegenüber wieder anders als den Arbeitskollegen, etc.

Die Ausgestaltung dieser Rollen erfolgt dabei nur in seltenen Fällen bewusst. In der Regel erfolgt sie durch "Sozialisation", also durch das unbewusste Erlernen der von aussen herangetragenen Erwartungshaltungen, Normen und Reaktionsmuster und das ebenso unbewusste Entwickeln der eigenen Bereitschaft sich diesen externen Faktoren anzupassen oder ihnen aktiv oder passiv zuwiderzuhandeln. Den meisten Menschen ist all das nicht bewusst. Gefragt nach den Gründen für ihr Verhalten antworten sie mit "Ich bin halt so". Es erscheint ihnen normal.

Vor diesem Hintergrund wird auch klar warum die Aufforderung sich im Beruf genauso selbstständig zu verhalten wie im Privatleben nicht so einfach umsetzbar ist. Um eine jahre- oder jahrzehntelange Prägung abzulegen muss man sich ihrer zunächst bewusst sein, muss dann bereit sein an ihr zu arbeiten (was sich zunächst komisch oder unangenehm anfühlen kann) und muss sich zuletzt regelmässig reflektierend hinterfragen um eine unbewusste Erosion der Veränderungen zu verhindern.

Das heisst natürlich nicht, dass Verhaltensänderungen nicht möglich wären. Sie sind es, und sie können bemerkenswerte Energien freisetzen. Sie kommen aber nicht von jetzt auf gleich.
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