Donnerstag, 18. April 2019

Warum Scrum-Zertifikate früher Sinn gemacht haben (und heute nicht mehr)

FS
Bild: Pxhere - CC0 1.0
Zertifizierungen werden im Rahmen des agilen Arbeitens (und hier besonders im Zusammenhang mit Scrum) kontrovers diskutiert. Während viele Recruiter und Personaler noch immer ein Gütesiegel in ihnen sehen herrscht unter Practitionern eher der gegenteilige Eindruck vor. Ein Zertifikat gilt hier lediglich als Beweis dafür, dass man etwas Geld übrig hatte und eine begrenzte Menge Wissen auswendig lernen konnte (und selbst das mit begrenztem Praxisbezug). Was in dieser Debatte untergeht: Scrum-Zertifikate waren mal anders gemeint und haben einen ganz anderen Sinn ergeben als heute.

Ein Blick zurück auf die Anfänge: 2002 wurde mit der Scrum Alliance die erste Zertifizierungs-Organisation gegründet, zuerst nur mit Scrum Master-Zertifizierungen, erst später mit immer weiteren. Zwei bedeutende Dinge waren in dieser Zeit anders als heute - zum einen war Scrum noch relativ unbekannt und wenig verbreitet, zum anderen befand sich das Internet noch in seiner Frühphase, in der viele der heute populären Dienste noch nicht oder nur in einer frühen Form existierten. Beides führte dazu, dass die frühen Anwender des neuen Frameworks noch stark voneinander isoliert waren.

Während heute jeder Interessierte eine immer grösser werdende Auswahl an Meetups und Unkonferenzen in seiner näheren Umgebung finden kann befand sich die Scrum-Community damals noch im Zustand einer Diaspora. Vereinzelt gab es schon erste User Groups (vor allem an der amerikanischen Ost- und Westküste), im grössten Teil der Welt waren die ersten Vorreiter aber noch auf sich gestellt. Der heute fast überall vor Ort mögliche Austausch mit Gleichgesinnten war nur in Verbindung mit Reisen und Konferenzteilnahmen möglich, was nicht für jeden organisierbar und finanzierbar war.

Auch Informationen aus dem Internet gab es spärlicher als heute. Selbst die heutigen sprichwörtlichen ersten Schritte waren noch nicht möglich. Die Wikipedia existierte erst ein Jahr und war noch hochgradig lückenhaft, bis zum ersten Artikel über Scrum (siehe hier) sollten noch Jahre vergehen. Hier war also keine Hilfe zu finden. Und auch das Betrachten eines Einführungsvideos auf Youtube war keine Option, diese Seite ging erst im 2005 online, also ebenfalls Jahre in der Zukunft. Einzelne Websites zu dem Thema gab es zwar, aufgrund der im Vergleich zu heute schlechteren Suchmaschinen waren sie aber nur mit Mühe zu finden.

Die Zertifizierungen (und vor allem die Zertifizierungskurse) haben daher in den ersten Jahren eine wichtige Lücke geschlossen. Durch sie war es erstmals möglich die eigene Scrum-Umsetzung mit der offiziellen Version abzugleichen, Good Practices kennenzulernen und sich mit anderen Anwendern auszutauschen. Dass es dazu noch ein buntes Stück Papier gab war eine schöne Zugabe, von grösserer Bedeutung waren aber die beiden Tage davor, die Einblicke bieten konnten die sonst nur schwer zu haben gewesen wären. So war es damals.

Zurück in die Gegenwart: Heute gibt es all das was es früher nicht gab. Es gibt Meetups und User Groups in der eigenen Umgebung, auf denen man sich mit Menschen jeder Erfahrungsstufe austauschen kann. Es gibt online mehr kostenlose Artikel als man im gesamten Leben lesen könnte und mehr Videos als man in Jahren sehen könnte. Es gibt Inhouse Communities in grossen Firmen, es gibt Podcasts, kollegiale Fallberatungen und vieles mehr. Und wer auch nur einen kleinen Teil seiner Zeit hier investiert kan viel, viel mehr lernen als in jeder Zertifizierung.

Darum zum Fazit: es gab mal eine Zeit in der die Scrum-Zertifikate viel Sinn gemacht haben, aber die ist weitgehend vorbei.
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