Dienstag, 20. Oktober 2020

Agile Bauprojekte (IV)

FS
Bild: Wikimedia Commons / Michael Wolf - CC BY-SA 3.0

Die Zukunft hat bereits begonnen. Noch vor kurzem galten agile Vorgehensweisen bei Bauvorhaben als etwas hochgradig Theoretisches, mittlerweile können wir eines mitten in Deutschland beobachten. Die Tesla-Gigafactory 4 bei Berlin wird iterativ-incrementell gebaut (nachzulesen bei der SZ): zuerst werden kleinere, schnell fertigzustellende Gebäude errichtet, deren Konstruktionsgeschichte wird ausgewertet und die Erkenntnisse fliessen als Verbesserungen in die nächstgrösseren Bauvorhaben ein, und das in Rekordzeit. Wie ist das möglich?


Ein lesenswerter Artikel der Zeit (leider hinter einer Paywall) liefert einige Antworten. Es beginnt mit den bekannten Faktoren, die z.T. auch den schnellen Bau der chinesischen Corona-Kliniken geprägt haben: Einfachheit, Standardisierung, Modularisierung, Entbürokratisierung und wenn möglich Wiederverwendung der Pläne von bereits erfolgreich abgeschlossenen vergleichbaren Bauvorhaben. Im Mittelpunkt stehen aber zwei weitere, bei Bauprojekten hochgradig unübliche: Risiko-Toleranz und Fehlerkultur.


Um nachvollziehen zu können warum das ein Paradigmenwechsel ist muss man auf das Risikomanagement klassischer Bauprojekte schauen. In ihm wird versucht Risiken dadurch zu begrenzen, dass die Beteiligten in möglichst detaillierten Verträgen regeln was welcher der beteiligten Geschäftspartner zu welchem Zeitpunkt zu erbringen hat. Gelingt einem von ihnen das nicht hat er für die entstehenden Mehrkosten aufzukommen, die anderen aber nicht.


In der Theorie mag das wie eine sinnvolle Umsetzung der Verursacherprinzips aussehen (wer Aufwände und Verzögerungen verursacht zahlt), in der Realität führt es aber zu ausufernden Vertragsverhandlungen, absurd detaillierten Vertragswerken, dem Zweckentfremden von Flexibilitätsreserven, extrem aufwändigen Prozessen bei nachträglichen Anpassungen und oft auch zu erbittert ausgefochtenen Rechtsstreitigkeiten. Die dadurch entstehenden Kosten und Aufwände gehören dann zu den stärksten Treibern von Budget- und Zeitplan-Überschreitungen.


Um derartige Entwicklungen gar nicht erst aufkommen zu lassen werden beim Bau der Gigafactory 4 bewusst Risiken eingegangen: statt der üblichen Festpreis-Verträge für bestimmte Gewerke erhalten die Baufirmen pauschale Aufwandsvergütungen, wenn für den schnellen Baufortschritt mehr Geld benötigt wird als initial geplant ist der Freigabeprozess unbürokratisch und wenn derartige Mehraufwände entstehen liegt das Hauptinteresse nicht auf dem Finden und Bestrafen von Schuldigen sondern auf dem schnellen Reagieren auf die geänderten Rahmenbedingungen.


Letztenendes wird hier ein systemischer Ansatz sichtbar. Natürlich kann es sein, dass bei diesem Vorgehen Teile des Gesamtvorhabens teurer werden als gedacht. Durch den bewussten Verzicht auf Detailregelungen, Prozessverflechtung und (juristische) Konflikte wird die Umsetzungsdauer aber derartig verkürzt, dass die frühe Betriebs- und Wertschöpfungsfähigkeit (und das dadurch mögliche frühere Erwirtschaften von Gewinnen) das bei weitem ausgleichen dürfte.


Für alle die das nicht so ganz glauben können hält der deutsche Standort von Tesla übrigens noch eine schöne Pointe bereit. Nur 30 Minuten Autofahrt entfernt kann man begutachten wohin klassisches Management eines Bauprojektes führen kann. Die Rede ist vom neu gebauten Berliner Flughafen, der jetzt endlich eröffnet wird - neun Jahre nach dem ursprünglich geplanten Termin und deutlich teurer.

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