Donnerstag, 22. Juli 2021

5S

Bild: Pixabay / Blickpixel - CC0 1.0

Zur Zeit darf ich mal wieder für einen Kunden tätig sein der nicht nur Software herstellt sondern auch die dazugehörige Hardware. Das was derartige Einsätze aus methodischer Sicht spannend macht ist, dass in ihnen häufig zwei verschiedene Optimierungsansätze aufeinandertreffen: die aus der (agilen) Produktentwicklung kommende Effektivitätsoptimierung und die aus der Fabrikation kommende Effizienzoptimierung.


Eine zum zweiten Ansatz gehörende Methode trägt den schlichten Namen 5S. Sie kommt aus dem erweiterten Umfeld von Lean Management und ist darum interessant, weil sie zwar in der Hardware-Fertigung erfunden wurde, sich aber bei leichter Neuinterpretation auch in der Softwareentwicklung einsetzen lässt, und zwar nicht anstelle der hier gängigen methodischen Frameworks wie Extreme Programming, Scrum, etc. sondern in Kombination mit ihnen.


Zunächst zum grundlegenden Verständnis: 5S ist in Japan entstanden als traditionelle Prinzipien des Ordnung Haltens aus Haushalt und Küche in die Industrie übertragen wurden. Dabei wurden fünf von ihnen als besonders zentral und wichtig erkannt, und da sie alle mit dem Buchstaben S beginnen erhielt die Methode so ihren Namen: es sind Seiri (整理), Seiton (整頓), Seisō (清掃), Seiketsu (清潔) und Shitsuke (躾), bzw. deren Übersetzungen, für die man auch versucht mit S beginnende Begriffe zu finden.


Grafik: Wikimedia Commons / Nikita Klyuchko - CC BY-SA 3.0


Seiri (Sort out/Selektieren)

Ständiges Aussortieren und Entfernen unbrauchbarer oder unnötiger Rohstoffe und Komponenten, um im Arbeitsalltag ausschliesslich mit hochwertigen Materialien arbeiten zu können. Im der Hardware-Fertigung ursprünglich auf minderwertige Werkstoffe und defekte Bauteile bezogen, in der Software etwa anwendbar auf nicht mehr benötigte Branches oder obsolete Schritte in Skripten.


Seiton (Set in Order/Sortieren)

Sortiertes Anordnen und gut sichtbares Bereithalten aller Arbeitswerkzeuge. Klassische Hardware-Beispiele wären nach Länge und Durchmesser sortierte Schraubenschlüssel oder Schraubenzieher an der Wand oder im Werkzeugkasten, in der Softwareentwicklung könnte es das gut geordnete Product Backlog sein oder die Übersichtsseite mit Links zu allen Entwicklungs-, Test- und Staging-Umgebungen.


Seisō (Shine/Sauberkeit)

Regelmässiges Säubern und Sauberhalten des Arbeitsplatzes. In der Fabrik kann das die Entfernung von Staub, Spänen und allem anderen sein, was zum sprichwörtlichen Sand im Getriebe werden könnte, in der Software wäre eine Entsprechung das Löschen von auskommentiertem Code oder von veralteten und kontaminierten Testdaten.


Seiketsu (Standardize/Standardisieren)

Übertragen bewährter Vorgehensweisen auf vergleichbare Anwendungsfälle. An dieser Stelle sind Sinn und Effekt in Hardware- und Softwareentwicklung die Gleichen. Die Verwendung gleicher Abläufe, wiedererkennbarer Visualisierungen und identischer Begriffe ermöglichen ein schnelles Zurechtfinden und arbeitsfähig werden in neuen Umgebungen.


Shitsuke (Sustain/Selbstverständlich machen)

Verinnerlichung der ersten 4 S, so dass sie zu einem selbstverständlichen Teil der Arbeit werden. Das Ziel ist es, durch tägliche Übung die Anwendung in eine Habitualisierung zu überführen, so dass sie auch ohne Anleitung und Erinnert Werden stattfinden. Ein häufig verwendetes Hilfsmittel sind visuelle Erinnerungsstützen wie z.B. Kamishibai-Boards.


Soweit die schnelle Übersicht, weitere Anwendungsfälle wird sich jeder herleiten können der in der professionellen Softwareentwicklung arbeitet. Der Vollständigkeit halber sei auch erwähnt, dass 5S zwar die häufigste, aber nicht die einzig mögliche Mengengrösse dieser Methode ist. Es gibt auch 4S (meistens ohne Shitsuke), 6S (häufig mit Safety/Sicherheit als sechstem Element) und in manchen Firmen auch noch höhere, je nach Fall anders belegte Nummern.


Für Software-Teams ist 5S vor allem dann zu empfehlen, wenn sie das Gefühl haben, dass bei ihnen die schnelle Liefer- und Reaktionsfähigkeit zu sehr auf Kosten von Ordnung und Übersichtlichkeit herbeigeführt wurde. Die Methode für einige Sprints einzuführen und bei eintretenden Verbesserungen dauerhaft beizubehalten kann in solchen Fällen ein sinnvoller Weg sein. 


Als scheinbar kleiner, in seinen Auswirkungen nicht zu unterschätzender Nebeneffekt kommt noch dazu, dass man plötzlich ungeahnte Gemeinsamkeiten mit den Kollegen aus der Hardware-Fertigung entdecken kann, wodurch gegenseitiges Verständnis und Zusammengehörigkeitsgefühl in der Firma gefördert werden. Vielleicht kommt es dann dadurch zu einem weiteren Austausch, aus dem sich die Idee ergibt welche weitere Arbeitsmethode der anderen Seite man sich näher ansehen sollte.

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