Donnerstag, 21. Oktober 2021

Unterwachung

Bild: Pexels / Andrea Piacquadio - CC0 1.0

"Unterwachung – das ist ein neues Wort, ein seltsames Thema." Mit diesem Satz beginnt der Soziologe Niklas Luhmann sein gleich betiteltes Kapitel in seinem posthum erschienenen Buch Der neue Chef. Was sich hinter diesem Begriff verbirgt ist aber höchst bemerkenswert (und wie Luhmann selbst anmerkt noch zu wenig erforscht): die entgegengesetzt zur Hierarchie laufende Beobachtung und Steuerung eines Vorgesetzten durch seine Untergebenen.


Auf den ersten Blick mag das wie ein eher exotisches Konzept erscheinen, zu sehr wiederspricht es dem was wir aus Alltagsbeobachtungen zu wissen glauben. In ihnen ist die Überwachung die dominierende Form, eine Art der "Zusammenarbeit" in der ein Vorgesetzter seine Untergebenen mehr oder weniger offen beobachtet (oder sich Arbeitsergebnisse zeigen lässt) um ggf. lenkend in die Abläufe eingreifen zu können, falls er das Gefühl hat, dass dort etwas falsch läuft.


In Luhmanns Unterwachung funktioniert das Ganze etwas anders. Die Untergebenen sind sich bewusst, dass sie keine formale Macht über ihren Vorgesetzten haben, stattdessen versuchen sie ihre Ziele zu erreichen indem sie seine Entscheidungen beeinflussen. Das klingt zwar zuerst nach einem Handeln aus einer Position der Machtlosigkeit, bei einem guten Verständnis der täglichen Abläufe kann es aber so stattfinden, dass es fast immer zum angestrebten Ziel führt.


Der zentrale Faktor der das ermöglicht ist die Kompliziertheit und/oder Komplexität der Entscheidungslage des Vorgesetzten. In den meisten Fällen (zumindest in der Wissensarbeit) ist dieser nicht mehr in der Lage alles was in seinem Einflussbereich stattfindet im Auge zu behalten, geschweige denn es zu beeinflussen. Seine Themenwahl und seine Entscheidungen beruhen daher auf den Berichten und Handlungsempfehlungen seiner Untergebenen - was diese auch wissen.


Was jetzt passiert lässt sich erraten: die Untergebenen "unterwachen" ihren Vorgesetzten indem sie aus Gesprächen, Ankündigungen und Terminen darauf schliessen mit welchen Themen er sich in nächster Zeit beschäftigen muss. Sobald sie das wissen gestalten sie ihre an ihn gerichteten Informationen so, dass bestimmte Handlungsoptionen naheliegend oder sogar zwingend erscheinen. Sowohl die daraus resultierenden Handlungen als auch deren Folgen sind Gegenstand weiterer Unterwachungen.


Diese Verhaltensweisen können wie eine Verschwörung gegen den Chef erscheinen, tatsächlich finden sie aber oft genug mit dessen Wissen und Billigung statt. Ihm ist bewusst, dass seine Untergebenen das formale Recht haben bei ihm Führungsentscheidungen einzuholen, dass er aber rein zeitlich nicht in der Lage wäre sich in alle Themen ausreichend einzuarbeiten. Das Zulassen des unterwacht Werdens kommt damit einer informellen Delegation gleich, bei gleichzeitiger Wahrung der formalen Hierarchie.


Ebenfalls zu beachten ist, dass Unterwachung auf allen Ebenen der Hierarchie stattfinden kann, also auch ganz oben, solange es dort Angestellte mit Vorgesetzten gibt. Auch ein Bereichsleiter kann von seinen Abteilungsleitern unterwacht werden und ein Vorstand von seinen Bereichsleitern. Auch Hierarchieebenen-überspringend kann Unterwachung vorkommen, z.B. durch die Fachreferenten die regelmässig hohe Manager auf Termine vorbereiten.


Sehr aufschlussreich kann es sein in der eigenen Organisation nach Unterwachungs-Verhältnissen zu suchen. Man findet sie dort häufiger als gedacht und sieht danach die eigene Umgebung mit ganz anderen Augen.

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