Donnerstag, 9. Dezember 2021

Die Gemeinsamkeiten von Softwareentwicklung und Politik

Bilder: Flickr / OSCEPA - CC BY-SA 2.0 + Pexels / Christina Morillo - CC0 1.0

Dass die Berufe des (agilen) Softwareentwicklers und des Politikers mehr Verbindendes haben als man auf den ersten Blick denken sollte hatte ich am Beispiel des "agilen Redens" schon einmal erwähnt, die Parallelen gehen aber weit über derartige Einzel-Aspekte hinaus. Sobald man diese beiden Tätigkeiten abstrahiert betrachtet zeigen sich grosse Gemeinsamkeiten in Herausforderungen, Rahmenbedingungen und Lösungsansätzen - sogar so grosse, dass der eine Beruf eine Analogie des anderen sein kann.


Zunächst finden beide in einem Umfeld statt das bestenfalls komplex und oft genug sogar chaotisch ist. In beiden Fällen müssen Systeme verändert werden die hochgradig unübersichtlich, vernetzt und durch schwer vorhersehbare Dynamiken geprägt sind, was in beiden Fällen dazu führt, dass die Folgen der eigenen Handlungen nur eingeschränkt absehbar sind. Um sicherzugehen, dass die eigenen Ziele erreicht werden ist daher eine kontinuierliche Validierung und Anpassung des Vorgehens nötig.


Sowohl die Politik als auch die Softwareentwicklung erfordern weitgehende Spezialisierungen, z.B. in Wirtschafts-, Innen- und Finanzpolitik oder in Frontend-, Backend- und Middleware-Entwicklung. Zwar gibt es Idealvorstellungen wie den in allen Fachgebieten bewanderten Politiker oder den Fullstack-Developer, in der Realität sind es aber praktisch immer Teams von mehr oder weniger ausgeprägten Spezialisten, die nur gemeinsam Ergebnisse liefern können.


Darüber hinaus haben beide Berufe ein Problem mit Legacy Code. Sowohl der Quelltext (englisch Source Code) in der IT als auch die Gesetzestexte (englisch: Law Code) in der Politik sind in einer z.T. weit zurückligenden Vergangenheit von Personen geschrieben worden die sich mittlerweile in Rente befinden oder den Job gewechselt haben. Sowohl die ursprüngliche Intention als auch die Lesbarkeit, die Ausführung oder die Verknüpfung zu anderen Code-Stellen sind häufig eine Herausforderung.


Die vielleicht grösste Gemeinsamkeit der beiden Berufswelten ergibt sich aber in ihrer Aussenwahrnehmeng. Beide werden kontinuierlich umlagert von einer Vielzahl an unterschiedlichsten Interessenvertretern, die mit nicht nachlassender Vehemenz darauf bestehen, dass ihr jeweils aktuelles Problem das wichtigste von allen wäre und sofort gelöst werden müsste. Und bekommen sie nicht ihren Willen sind sie im Zweifel schnell bereit zur Eskalation.


In meinen fünf Jahren in der politischen Verwaltung und meinen über 10 Jahren in der Softwareentwicklung ist mir im Rahmen dieser regelmässig stattfindenden Eskalationen eine weitere Übereinstimmung immer wieder aufgefallen: wenn Interessenvertreter ihre Wünsche nicht sofort erfüllt bekommen neigen viele dazu, den Grund dafür in einer Unfähigkeit des anderen zu sehen - "die Politik" oder "die IT" werden dann beschuldigt ihren Job nicht machen zu können oder zu wollen.


An dieser Stelle ist es dann Zeit für die finale Pointe: sobald Politiker (als Auftraggeber) ein Anliegen an eine Softwareentwicklungs-Abteilung haben oder Softwareentwickler (als Wähler) Wünsche an eine politische Institution, werden sie regelmässig selbst zu den ungeduldigen Interessenvertretern, die der jeweils anderen Seite Unvermögen unterstellen. Vermutlich würde es beiden Berufsgruppen sehr helfen ihre Gemeinsamkeiten wahrzunehmen um hier eine entspanntere Sicht zu entwickeln.

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