Donnerstag, 16. Dezember 2021

The agile Bookshelf: The (Delicate) Art of Bureaucracy

Bild: Pexels / Vlada Karpovic - Lizenz

Wer mal wieder nach einem Geschenk für irgendeinen im Dunstkreis der Agilität arbeitenden Menschen sucht kann dieses Buch ins Auge fassen: The (Delicate) Art of Bureaucracy von Mark Schwartz bringt das Kunststück fertig das auf den ersten Einruck unspannenste aller Themen - die Bürokratie - so aufzubereiten, dass es nicht nur informativ sondern sogar unterhaltsam ist. Und zahlreiche Bezüge zu agiler Produktentwicklung und DevOps gibt es obendrauf.


Was Schwartz schon früh unmissverständlich festellt ist, dass die Bürokratie durchaus ihren Zweck hat. Spätestens bei Grossunternehmen und -behörden mit tausenden von Mitarbeitern ist es unumgänglich Rollen zu vergeben, Verantwortlichkeiten festzuleen, Abläufe zu definieren und Hierarchien aufzubauen. Würde das unterbleiben wären diese Organisationen (genau wie die meisten kleineren) von Anfang an nicht handlungsfähig.


Auch wie es zu der Entartung dieser eigentlich sinnvollen Strukturen in Regel- und Dienstweg-Fetischismus kommt beschreibt er anschaulich, u.a. am Beispiel von Scrum Teams, die um ihre Sprints zu schützen dafür sorgen, dass Stakeholder nur noch einmal alle zwei Wochen mit ihnen interagieren können, und auch das nur in einem stark formalisierten Meeting-Format, dem Sprint Review. Derartige "versehentliche Bürokratisierungen" sind zwar gut gemeint, in den Auswirkungen aber schädlich.


Neben dem Scrum Framework (mit dessen Klassifizierung als Bürokratie er bei den meisten Scrum Mastern einen mittelschweren Schock auslösen dürfte) konzentriert er sich aber in erster Linie auf das was auch im Allgemeinverständnis als Bürokratie verstanden wird: die Arbeitswirklichkeit in Grossorganisationen, und hier speziell in der amerikanischen Einwanderungsbehörde, deren CIO er für einige Jahre gewesen ist und gegen deren rigide Regeln und Prozesse er in dieser Zeit ankämpfte.


Die Hintergründe für diese Auseinandersetzung dürften jedem der Politik und IT kennt bekannt vorkommen: auf der anderen Seite ein stetiger, durch äussere Umstände verursachter Handlungsdruck, auf der anderen Seite der verständliche Wunsch nach Sicherheit und Berechenbarkeit, der aber schnell zu Überregulierung führte. Um dieser zu entkommen entwickelte Schwartz drei Ansätze, den des Affen, den des Rasierers und den des Sumo-Ringers.


Der "Weg des Affen" ist inspieriert vom Chaos Monkey aus dem Chaos Engineering, einem Computer-Programm das ununterbrochen andere Programme Belastungsproben aussetzt um so Schwachstellen zu finden. In Analogie dazu besteht das Ziel darin, in den bürokratischen Regelungen Ausnahmen oder Regulierungslücken zu finden in denen man sich freier bewegen kann. Dass das nicht nur gegen sondern auch zusammen mit den Regelhütern stattfinden kann ergibt sich für ihn aus dem nächsten Ansatz.


Der "Weg des Rasierers" ist abgeleitet von Hanlon's Razor, einem Erkenntnismodell das von dem Grundsatz ausgeht nicht mit Bosheit erklären zu wollen was sich auch damit erklären lässt, dass dem Urheber die Konsequenzen seines Tuns nicht bewusst waren. Die daraus abgeleitete Prämisse ist, dass die Verfasser und Überwacher strikter Regeln gar kein Interesse daran haben andere zu behindern, man also durchaus vertrauensvoll mit ihnen zusammenarbeiten kann.


Der "Weg des Sumo-Ringers" basiert schliesslich auf einer Grundtechnik asiatischer Kampfsportarten, die daraus besteht die kinetische Energie eines stärkeren Gegners gegen ihn selbst zu verwenden. Auf die Bürokratiebekämpfung kann das übertragen werden indem man die Regulierung bestimmter Bereiche explizit untersagt und das zum Gegenstand regelmässiger Überprüfungen macht. Die Bürokratie richtet sich so gegen sich selbst und dämmt sich selbst ein.


Alleine diese Inhalte würden das Buch bereits lesenswert machen, es gibt aber noch eine zweite Ebene wegen der sich der Kauf lohnt, die erzählerische. Schwartz ist sehr gut darin trockene Sachverhalte durch Anekdoten und Analogien unterhaltsam zu machen, ausserdem zieht sich ein Feuerwerk an Zitaten und Referenzen durch das ganze Buch, von Franz Kafka und Herrman Melville über Napoleon, Georg Hegel, Karl Marx, Max Weber, Frederick Taylor und Peter Drucker bis hin zu Jeff Sutherland.


Wer diese grossen Denker und ihre Werke kennt wird übrigens schon ahnen auf welchen von ihnen ganz am Anfang und ganz am Ende verwiesen wird: auf Kafka, der mit "Der Prozess" den Bürokratie-Roman schlechthin geschrieben hat. Mark Schwartz hätte sich keine bessere Klammer für seine Ausführungen suchen können.

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