Montag, 27. April 2026

Freie Vorgesetzten-Wahl

Wenn man sich anschaut, wie die erfolgreichen agilen Vorzeigeunternehmen organisiert sind, bekommt man nur selten ein vorbildhaft implementiertes agiles Framework zu sehen, dafür aber viele spannende Inspirationen. Diese hier verdanke ich Thuan Pham, dem ersten CTO von Uber, der im Pragmatic Engineer-Podcast von einer bemerkenswerten Praxis dieser Firma erzählt:1 wer will, kann jederzeit und ohne Hindernisse seinen Vorgesetzten wechseln.


Dass diese Möglichkeit ein deutlicher Paradigmenwechsel im Vergleich zur üblichen Geschäftswelt ist, ist offensichtlich. In fast allen anderen Firmen ist der Vorgesetzte jemand, den man im Wortsinn vorgesetzt bekommt. Man hat bei der Zuteilung wenig bis gar kein Mitspracherecht, er entscheidet über Versetzungen und Beförderungen (oder muss zumindest beteiligt werden) und ein Wechsel zu einer anderen Führungsperson ist meistens nur mit grossem Aufwand möglich.


Ist die Beziehung zum eigenen Vorgesetzten gut, ist das Alles kein Problem, ist sie dagegen eher schlecht, kann es hochproblematisch sein. Aufgrund des gegebenen Abhängigkeitsverhältnisses wird eine Unzufriedenheit oft gar nicht oder erst zu spät thematisiert. Die freie Vorgesetzten-Wahl bei Uber ist laut Pham eine bewusste Massnahme gewesen, um dieses Macht-Ungleichgewicht aufzubrechen und eine Beziehung auf Augenhöhe zu ermöglichen.


Die offensichtlichsten Folgen hat das im Fall eines Vorgesetzten, der eine sehr volatile oder ständig schrumpfende Mitarbeiter-Gruppe hat. Für das obere Management ist beides ein deutlicher Indikator dafür, dass hier möglicherweise ein Führungsproblem vorliegt, um das man sich kümmern sollte - und für jeden Mitarbeiter, der gerade einen neuen Vorgesetzten sucht, ein Zeichen dafür, dass er sich erst über diese Führungskraft informieren sollte, bevor er sie auswählt.2


Es gibt aber auch in konfliktfreien Konstellationen Vorteile, die sich aus der freien Vorgesetzten-Wahl ergeben. So gibt es auch in dieser Rolle unterschiedliche Stärken, seien sie fachlich, technisch, sozial oder sonstwie geartet, wodurch es Vorteilhaft sein kann, immer zu demjenigen zu wechseln, dessen Profil den aktuellen eigenen Bedürfnissen am Besten entspricht (gegebenenfalls nur temporär, um irgendwann zurückzukommen. Auch das ist ja möglich).


Natürlich lässt sich diese Praktik nicht in jedes andere Unternehmen übertragen, je nach Branche, Unternehmensgrösse, Art der Arbeit, beruflichem Spezialisierungsgrad und Betriebsverfassung kann das einfacher oder schwerer sein. Es ist aber zumindest etwas, was man samt möglicher Vor- und Nachteile erwägen und für sich ausprobieren kann. Und wenn man es ausprobiert, hat es in jedem Fall das Potential zu sehr deutlicher Flexibilisierung und kultureller Veränderung eines Unternehmens.



1Wobei unklar bleibt, ob diese Praxis auch nach seinem Ausscheiden aus dem Unternehmen fortgeführt wurde
2Und natürlich kann auch das ständige Wechseln eines Mitarbeiter zu neuen Vorgesetzten ein Indikator für Probleme sein

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