Wie man (fast) ohne Prozesse arbeitet
Es ist eine Traumvorstellung vieler Angestellter - ein Berufsleben ganz ohne Regelmeetings, fest definierte Prozesse oder sonstige einengende Strukturen. Eines in dem man "einfach nur arbeiten" kann. Und es gibt sogar Firmen, denen das anscheinend weitgehend gelungen ist, z.B. WhatsApp vor der Übernahme durch Facebook. Wie genau das ausgesehen hat kann man sich jetzt anhören, denn die damalige WhatsApp-Mitarbeiterin Jean Lee berichtet im Pragmatic Engineer Podcast davon.
Der erste, und vermutlich wichtigste, Punkt den man von ihr lernen kann ist, dass WhatsApp damals eine kleine Firma war, und sich bewusst entschieden hat, klein zu bleiben. Zum Zeitpunkt der Übernahme gab es 30 Angestellte, davon 20 in der Softwareentwicklung. Eine derartig überschaubare Gruppe ist natürlich viel einfacher ad hoc und auf Zuruf zu koordinieren. Um so klein bleiben zu können, wurde sogar bewusst auf zusätzliche Features und Marktsegmente verzichtet.
Im Zusammenhang damit stand, dass alle Firmenangehörigen jeden Tag in einem grossen gemeinsamen Büro sassen. In einem derartigen Setting ist jeder sofort erreichbar, man bekommt zwangsläufig mit was die anderen tun, und Informationen können schnell und beiläufig an der Kaffeemaschine oder im Aufzug ausgetauscht werden. Ein zusätzlicher Vorteil ist, dass Information Radiators wie digitale Displays oder Kanban Boards durchgehend für alle sichtbar sind.
Als nicht zu vernachlässigendes Element kommt dazu, dass es kaum funktionale Spezialisierungen gab. Wie Jean Lee berichtet, waren in der damaligen Firma WhatsApp die Manager (einschliesslich des CEO) gleichzeitig an der Softwareentwicklung beteiligt, während die eigentlichen Entwickler Crashkurse in den wirtschaftlichen Aspekten erhielten und auch alle Geschäftszahlen kannten. Es gab also keine organisatorischen Silos, die sich untereinander prozessual koordinieren mussten.
Zuletzt darf man nicht vergessen, dass WhatsApp damals erst wenige Jahre alt war, und ein sehr minimalistisches Produkt hatte (im Wesentlichen eine Messaging App, Features wie Video Calls, Channels, Stories und DesktopApp existierten noch nicht), es gab also vergleichsweise wenige Feature Requests, technische Schulden und Refactoring-Wünsche, die man in einem strukturierten Planungs- und Priorisierungsprozess hätte verhandeln und eskalieren müssen.
Ich habe bereits mit anderen Firmen vergleichbarer Grösse und Struktur arbeiten dürfen, und z.T. auch dort ein vergleichbares Minimum an Prozessen und Strukturen erleben dürfen, was aber in allen Fällen nur gut funktioniert hat, so lange die Produkte und Organisationen von überschaubarer Grösse und Kompliziertheit waren. Sobald Wachstum stattfand, kamen auch die Prozesse (und Vergleichbares passierte laut Jean Lee nach der Übernahme von WhatsApp durch Facebook).
Es bleibt also am ende eine gleichzeitig positive und negative Erkenntnis: Berufsleben ganz ohne Regelmeetings, fest definierte Prozesse oder sonstige einengende Strukturen ist möglich, vermutlich aber nur in sehr kleinen und jungen Unternehmen. Wer Wert darauf legt, wird also alle paar Jahre zu einem neugegründeten Startup wechseln müssen. Wer dagegen einen Job etwas länger behalten möchte, der wird schon bald um Prozesse nicht mehr herumkommen.
