Der Krankenstand als Kulturwandel-KPI
Selbst wenn man denken sollte, nach über 15 Jahren in der Beratung hatte man so langsam alles gesehen - manchmal wird man doch überrascht. So war es bei mir vor kurzem während eines Termins mit einer anderen Beratung, die in einigen ihrer Kundeneinsätze eine ganz erstaunliche Erfolgs-Messgrösse hat: den Krankenstand. Und es handelt sich nicht etwa um eine Gesundheitsberatung, sondern um eine, die sich auf Kulturwandel-Programme spezialisiert hat.
Bei genauerem Nachdenken ist es aber (leider) nur folgerichtig, dass jemand auf die Idee kommt, körperliche Gesundheit und Unternehmenskultur zu verbinden, denn tatsächlich können bestimmte Arten der Unternehmenskultur so belastend sein, dass man von ihnen krank wird. Über die Jahre habe ich selber genug Beispiele dafür erleben dürfen (zum Glück nicht in der eigenen Firma, sondern auf verschiedenen Kundeneinsätzen).
Die offensichtlichste Fall dürfte das sein, was man im Englischen die Hustle-Kultur nennt. In ihr werden Überstunden, Wochenendarbeit und Erreichbarkeit in den Ferien als etwas Positives gesehen und von den Mitarbeitern erwartet, nicht nur vom Management sondern auch von ihren jeweiligen Kollegen. Dass das das Risiko körperlicher Erschöpfung mit sich bringt ist offensichtlich, bis zum irgendwann folgenden Zusammenbruch.
Ähnlich gelagert ist die Helden-Kultur. In ihr Herrscht die Annahme vor, dass bestimmte Aufgaben nur von bestimmten Menschen erledigt werden können, in der Regel vom jeweils grössten Spezialisten des jeweiligen Sachgebiets. Weil die dann das Gefühl vermittelt bekommen (oder selbst haben) unersetzbar zu sein, opfern sie sich und ihre Freizeit wieder und wieder auf, auch hier bis zum irgendwann eintretenden Zusammenbruch.
Ein dritter und nochmal unschönerer Fall ist die Sklavenhalter-Kultur. In ihr hat ein Unternehmen (bzw. dessen Führung eine derartige Kontrolle über bestimmte Teile des Arbeitsmarktes oder bestimmte Karriereoptionen, dass sie es sich leisten können ihre Angestellten auszubeuten, in die Akkord-Arbeit zu treiben oder Ähnliches mit ihnen zu machen. Auch hier mit der irgendwann eintretenden Folge körperlicher Erschöpfung und daraus folgender Erkrankung.
Subtiler aber nicht weniger schlimm sind toxische Unternehmenskulturen. Getrieben von niederen Motiven (Neid, Vorurteilen, Sadismus, o.Ä.) behandeln sich die Mitarbeiter gegenseitig schlecht, sabotieren sich, verleumden sich oder tun sich ähnlich schlimme Dinge an. Die Folge davon ist weniger die körperliche Abstumpfung sondern eher die Entwicklung psychischer Leiden, die dann irgendwann in Form psychosomatischer Erkrankungen in Physische umschlagen können.
Zuletzt sind auch Kafkaeske Kulturen weiter verbreitet als man denken sollte. In ihnen sorgen Bürokratie und Regelfetischismus dafür, dass immer weniger Arbeitszeit sinnvoll verbracht wird und immer mehr in unnötige Termine, Prozesse und Dokumentationen fliesst. Das Resultat ist die Entfremdung der Menschen von ihrer Arbeit, bis zu dem Punkt an dem sie an permanenter Sinnlosigkeit geistig zerbrechen und Schaden nehmen.
All diese Varianten von Unternehmenskultur treiben auf ihre jeweilige Weise den Krankenstand hoch und in allen Fällen ist es folgerichtig so. dass ein Kulturwandel ihn (mit etwas zeitlichem Versatz) senken kann, wenn es ihm gelingt, die zugrundeliegenden Ursachen zu beheben. Wie das geschehen kann ist dann von Fall zu Fall anders, von der Abschaffung absurd sinnloser Regeln über das Herunterfahren der Arbeitslast bis zur Entlassung sadistischer Manager kann vieles helfen.
Eine externe Kulturwandel-Begleitung kann tatsächlich viel in diese Richtung bewegen, von der Identifikation von Ursachen, die aufgrund interner Betriebsblindheit gar nicht mehr auffallen, über die Analysen systemischer Zusammenhänge bis hin zur Kompetenz in Konfliktmoderation oder Beteiligungsformaten. Vieles davon könnten ich oder meine Kollegen sicher auch anbieten, und ich kann mich sogar auch an sinkende Krankmeldungen erinnern.
Was ich mich aber nur mit Überwindung trauen würde, ist diese zu einem Haupt-Erfolgskriterium meiner Arbeit zu machen, da wirken für mich zu viele Faktoren mit, die ich nur wenig oder gar nicht beeinflussen kann. Diese Zahl im Blick zu halten und über die Zeit zu verfolgen könnte aber eine gute Idee sein, im Rahmen von Kulturwandel-Initiativen ist sie mindestens ein starker Indikator, den man als einen von mehreren Inputs nutzen kann.
