Freitag, 26. Juni 2026

Agile Indentity Politics

Eine steile These: eines der vermutlich grössten Probleme der gegenwärtigen Arbeitswelt trägt einen Namen - es ist die Identitäts-Politik (englisch Indentity Politics). Viele Schwierigkeiten auf die man in der Organisationsentwicklung, im Change Management oder in der technischen Modernisierung vorfindet, lassen sich darauf zurückführen. Wie immer bei steilen Thesen ist sie bewusst kontrovers. Um wieder sachlich zu werden folgt daher eine kurze Einführung. Was ist das überhaupt, Identitäts-Politik?


In der aktuellen Debatte versteht man darunter die (Selbst-)Zuschreibung bestimmter Ziele, Probleme oder Privilegien auf bestimmte soziale Gruppen, etwa soziale Schichten, Subkulturen, Menschen mit gleicher (ggf. von der Mehrheit abweichender) sexueller Orientierung, Angehörige von bestimmten ethnischen Gruppen, o.Ä. Diese Ziele, Probleme und Privilegien sichtbar zu machen und an ihnen zu arbeiten, um die Lage der davon betroffenen Gruppen zu verbessern, nennt man Identitäts-Politik.


Während zur Zeit im Mittelpunkt dieser Debatten eher der zweite Teil steht, also die Arbeit für die Interessen der eigenen Gruppe, ist aus einer Systemsicht der erste Teil mindestens genauso interessant, und vielleicht sogar interessanter: das feste Verknüpfen bestimmter Ziele, Programme, etc. mit einer sozialen Gruppe, bzw. deren Identität. In dem Moment in dem das passiert, wird sie nämlich fast zwangsläufig alle gegenläufigen Bemühungen auch als Angriff auf sich selbst wahrnehmen.


Um es noch einmal zu betonen - es geht  bei dieser These um die Arbeitswelt, nicht um das gesamtgesellschaftliche Problem, dass Menschen wegen ihrer Religion, Sprache, äusseren Erscheinung oder sexuellen Orientierung diskriminiert werden und sich zu Recht dagegen wehren. In der Arbeitswelt äussert sich Identitäts-Politik so, dass es zu einer (Selbst-)Zuschreibung bestimmter Arten zu arbeiten auf bestimmte Personengruppen kommt, mit der genannten Personalisierung von Konflikten als Folge.


Um das zu konkretisieren: wenn für ein Entwicklungsteam Praktiken wie Pair Programming oder gemeinsame Code Reviews konstituierende Elemente der eigenen Identität sind, dann wird es Ansätze wie AI-DLC, in denen das an eine KI ausgelagert wird, als bedrohlich für sich selbst empfinden. Und noch offensichtlicher: ein Scrum Master der seinen Job nicht als Beruf sondern als Berufung sieht, wird in eine Krise und Abwehrhaltung geraten, wenn sein Team ein anderes Arbeitsvorgehen haben möchte.


Mit derartigen Überlegungen im Hinterkopf lässt sich der häufig zu beobachtende Widerstand gegen Veränderungsinitiativen anders einordnen: sind die Menschen wirklich gegen Veränderungen (wie es dann häufig unterstellt wird), oder empfinden sie diese angestrebten Veränderungen als einen direkten Angriff auf sich selbst, ihre Überzeugungen, Werte, Prinzipien und Errungenschaften - also auf ihre Identität? Dann wären Zögerlichkeit und Widerstand viel nachvollziehbarer.


Da in einem sich stark und schnell wandelnden Arbeitsumfeld wie der IT Veränderungen nicht vermeiden lassen, muss Identitäts-Politik in diesem Kontext eine abgewandelte Bedeutung bekommen. Ihr Ziel sollte zwar noch immer sein, persönliche und soziale Identitäten in grösstmöglichem Ausmass zu schützen, gleichzeitig aber auch allen aufzuzeigen, wo das Verknüpfen der eigenen Identität mit zu spezifischen (und vergänglichen) Sachverhalten in eine berufliche Sackgasse führen kann. 


Im Idealfall baut am Ende die berufliche Identität nicht mehr (oder zumindest nicht zur Gänze) auf derartigem auf, sondern auch darauf, besser zu werden, dazuzulernen und neue Herausforderungen anzunehmen. Eine solche Identität würde nicht mehr dazu führen, dass Veränderungsinitiativen als persönliche Angriffe wahrgenommen werden können. In nahezu jeder grösseren Organisation würde das zu deutlich weniger Konfliktpotential führen.

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