Der agil-industrielle Komplex (III)
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| Bild: Pexels / Fauxel - Lizenz |
Wenn die Rede vom agil-industriellen Komplex ist, ist damit in der Regel das über-kommerzialisierte Geschäft mit (weitgehend wirkungslosen) Zertifizierungen und Schnell-Schulungen gemeint, die in grossen Mengen nachgefragt, angeboten und verkauft werden (siehe hier). Abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit hat sich aber noch ein weiteres kritisch zu sehendes Geschäftsfeld etabliert: die Vermittlung unpassender (!) externer Scrum Master und Agile Coaches in großem Ausmass.
Entstanden ist dieses Geschäftsfeld aufgrund des Fachkräftemangels, durch den Positionen lange nicht intern besetzt werden konnten, durch die in vielen Firmen fehlenden Karrierepfade dieser Rollen (die bei Beförderung einen Wechsel in andere Rollen notwendig machen) und aufgrund eines verbreiteten Unwillens, sie dauerhaft zu etablieren - oft getrieben von dem Missverständnis, dass der Scrum Master daran arbeiten würde, sich selbst abzuschaffen, und daher nicht dauerhaft benötigt würde (siehe hier).
Alleine diese Ursprünge sind bereits problematisch, darüber hinaus ist mittlerweile aber auch das darauf aufbauende Vermittlungsgeschäft hochgradig dysfunktional geworden. Und das nicht etwa, weil die Vermittler durchgehend unprofessionell oder böswillig wären, sondern wegen schwerer Systemfehler des ganzen Vermittlungsmarktes für agile Methoden-Rollen, die unpassende Stellenbesetzungen hochwahrscheinlich machen und häufig sogar (unbeabsichtigt) erzwingen.
Der erste dieser Fehler im System ist ein extrem ungesundes Verhältnis von Vermittlern zu den zu Vermittelnden. In den Datenbanken verfügbarer Scrum Master und Agile Coaches finden sich hunderte, bei grossen Vermittlungsfirmen sogar tausende von Profilen, dagegen steht bei den meisten dieser Firmen eine höchstens zweistelligen Anzahl von Vermittlern. Bereits eine Sichtung aller verfügbaren Profile scheitert bereits an fehlender Kapazität, eine Qualitätssicherung erst recht.
Als nächster Faktor kommt ein in fast allen Vermittlungsfällen gegebener hoher Zeitdruck dazu. Viele Vermittler warten nur wenige Tage oder sogar nur Stunden, bevor sie bei Ausschreibungen einige Profile einreichen und die Suche nach weiteren beenden. Zum einen, weil erfahrungsgemäss die ersten auch zuerst gesichtet werden und erhöhte Chancen haben, genommen zu werden, zum anderen um zu verhindern, sich selbst durch hunderte Profile arbeiten zu müssen.1
Der dritte Fehler ist die Heranziehung eines möglichst niedrigen Preises (d.h. des aufgerufenen Stundensatzes) als zentrales Entscheidungskriterium, die vor allem grössere Unternehmen in ihren Richtlinien stehen haben. In der Theorie kann ein höherer Preis zwar durch Erfahrung und Expertise gerechtfertigt werden, da bei den meisten Vermittlern aber die Zeit zur gründlichen Sichtung der Profile fehlt (siehe oben) wird am Ende fast immer nur das eingereicht, was möglichst billig ist.
Ein Manager eines unserer Kunden hat diese Gesammtkonstellation einmal treffend zusammengefasst: "Wenn wir über die Vermittlungsagenturen nach externen Methodikern suchen, bekommen wir immer die billigsten unter denen, die gerade verfügbar sind, angeboten. Und dann merken wir schnell, warum die so billig sind, und warum die gerade keine Aufträge haben. Als nächstes fluchen dann alle über die Vermittler, dabei machen die das nur so, weil wir die so steuern."
Eine ausweglose Situation also? Natürlich nicht, Auswege gibt es immer, und hier sind sie sogar naheliegend: den grössten Hebel haben die Unternehmen, die externe Scrum Master und Agile Coaches suchen. Die müssen diejenigen Vermittlungsdienstleister anzählen, die ihnen nur spontan verfügbare Billigkräfte anbieten, und eher mit denen zusammenarbeiten, die nach ggf. längerer Suche gute Kandidaten bringen. Und sie müssen auch fair dafür bezahlen (beide, die Vermittler und die Externen).
Es gibt sogar Firmen, die genau das tun, allerdings sind es eher wenige im Vergleich zu denen, die die Systemfehler des Vermittlungsmarktes (unbewusst) verstärken, indem sie den Preis und die schnelle Verfügbarkeit immer wieder zu ihren Hauptentscheidungskriterien machen. Und solange sich diese Mengenverhältnisse nicht ändern, wird auch der Personalvermittlungs-Sektor des agil-industriellen Komplexes weiter dysfunktional vor sich hin florieren. Works as designed.
