Estuarine Mapping (II)
Noch einmal zurück zum Estuarine Mapping. Dieser Prozess kategorisiert Elemente eines Veränderungsvorhabens anhand von zwei Dimensionen: der voraussichtlich zu investierenden Zeit und der voraussichtlich zu investierenden Energie (im Sinn von Stress und persönlicher Anstrengung). Je nachdem wie die Einordnung erfolgt, können die Vorhaben einfach und schnell, anstrengend und schnell, einfach und langsam oder anstrengend und langsam sein (oder etwas dazwischen).
Über diese auf den ersten Blick einfache Zuordnung hinaus gibt es aber noch weitere Kategorien, in denen eine Einordnung möglich ist: im Bereich des negativen Energieaufwands, oder anders formuliert dort, wo Veränderungen keine Energie binden, sondern freisetzen. Um sie abbilden zu können wird die Energie-Achse der Estuarine Map nach unten verlängert (sie Abbildung oben). Da das nicht intuitiv verständlich ist, eine kurze Erklärung.
In der Change Management-Praxis bedeutet Veränderung in einem Grossteil der Fälle, dass Prozesse oder Strukturen eingeführt, erweitert, modifiziert oder stabilisiert werden. Das bringt sowohl einen kurzfristigen Energieaufwand für Konzeption und Implementierung mit sich, daneben aber häufig auch einen dauerhaften Energieaufwand für die Überwachung der Einhaltung und die Sanktionierung von Abweichungen. Die häufige Folge: Change Fatigue (Veränderungs-Ermüdung).
Was seltener zu sehen, aber ebenfalls möglich ist, ist Veränderung durch das Weglassen von etwas, etwa von Vorschriften oder Berechtigungen. Ggf. kann der kurzfristige Energieaufwand für Konzeption und Implementierung auch hier auftreten, der bis zu diesem Punkt dauerhaft aufzubringende Energieaufwand für Überwachung und Sanktionierung entfällt für die weitere Zukunft aber. Diese "Nicht mehr-Bindung" von Energie lässt das Veränderungs-Element auf der Estuarine Map nach unten rutschen.
Dass im Rahmen des Estuarine Mapping überhaupt sichtbar gemacht wird, dass bestimmte Veränderungen Energie nicht etwa binden, sondern freisetzen, ist bereits für sich genommen ein Mehrwert. Alleine durch diese Visualisierung können Widerstände reduziert und Unterstützung erzeugt werden. Darüber hinaus kann diese Information auch in die Priorisierung der anstehenden Vorhaben einfliessen - mit dem zu beginnen, was Energie freisetzt, kann hochgradig sinnvoll sein.
