Donnerstag, 5. April 2018

"Was wollen wir schlecht machen?" als Thema für Retrospektiven

FS
Bild: Wikimedia Commons / Lewis Clarke - CC BY-SA 2.0
Vor kurzem war ich wieder bei einem der Teams zu Gast die ich von Zeit zu Zeit coachen darf und habe voller Freude festgestellt, dass es seit meinem letzten Besuch angefangen hat seine Retrospektiven zu modifizieren um sie abwechselungsreicher zu gestalten. Als letztes hatte es sich eine angepasste Version der Timeline-Retro ausgedacht: statt nur die Ereignisse des letzten Sprints rückblickend auf einer Zeitleiste anzuordnen hatte es diese auch in die Zukunft führend abgebildet. Und da es ausserdem die klassischen Dimensionen gut und verbesserungswürdig gab entstanden die folgenden vier Quadranten:

Die erste Überlegung angesichts dieser Felder war, dass in der Retrospektive nur die Themenfelder links oben, links unten und rechts oben besprochen werden sollten. Das Feld rechts unten (Was wollen wir schlechter machen?) wäre widersinnig und müsste leer bleiben, schließlich würde ja niemand bewusst etwas schlechter machen wollen als in der Vergangenheit. Bei näherer Betrachtung schien das allerdings doch nicht ganz so abwegig wie zu Beginn.

Auch die besten Teams können in Situationen geraten in denen Antipattern praktisch unvermeidbar sind. In seltenen Fällen gibt es zum Beispiel eben doch Anforderungen die sich beim besten Willen nicht so klein schneiden lassen, dass sie in einem Sprint fertig werden können. Ganz bewusst wird dann in Kauf genommen, dass von Beginn an kein erreichbares Sprintziel formuliert werden kann. In anderen Konstellationen kann es sein, dass die Teammitglieder zeitweise nicht alle nötigen Skills haben die sie eigentlich bräuchten, etwa weil der Experte für das Thema Penetrationstests oder Verbraucherschutz in Elternzeit geht. In solchen Fällen die Produktion anzuhalten wäre keine realistische Option, der einzige Weg besteht dann mitunter darin, dass bestimmte Antipattern nicht nur toleriert sondern mangels Alternativen sogar eingeplant werden. Das eigentlich Widersinnige tritt ein: bewusst wird etwas schlechter gemacht als in der Vergangenheit.

Im Fall der oben erwähnten Retrospektiven-Variante sind genau das die Themen die in das Feld rechts unten eingetragen werden würden. Und sobald sie dort stehen kann man sich proaktiv Gedanken machen wie man die unausweichlichen negativen Folgen und Begleiterscheinungen frühzeitig entdecken und in Grenzen halten kann. Letztendlich ist das auch eine Möglichkeit wieder mehr Kontrolle über die Situation zu erhalten - man kann Verschlechterungen nicht verhindern, man kann sie aber dafür sorgen, dass sie sich nicht dorthin ausdehnen wo das vermeidbar ist. So gesehen ist es also sehr anzuraten, im Werkzeugkasten ein Retro-Format zu haben das explizit die Frage stellt was man zukünftig schlechter machen will.
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