Donnerstag, 20. Dezember 2018

Schicht im Schacht

FS
Bild: Wikimedia Commons / Ludwig Wegmann - CC BY-SA 3.0 DE
Einmal werden wir noch wach, dann ist es soweit. Nein, nicht Weihnachten, das dauert noch etwas. Morgen wird unbemerkt von vielen eine Ära zu Ende gehen ohne die vieles in Deutschland nicht denkbar gewesen wäre. Industrialisierung, Weltkriege und Wirtschaftswunder hätte es in dieser Form nicht gegeben ohne die deutsche Steinkohle-Förderung. Und ab morgen wird das Geschichte sein, denn morgen schliesst in meiner Geburtsstadt Bottrop das letzte deutsche Steinkohle-Bergwerk.

Für einige Zeit werden Bergleute und Journalisten noch in Nostalgie schwelgen, werden sich erinnern, melancholische Artikel schreiben und lesen und still die Feiertage begehen. Irgendwann danach werden sie sich aber eine deprimierende Frage stellen müssen: wie konnte es dazu kommen, dass ihre Heimat, früher eine der reichsten Regionen in Deutschland, heute eine der ärmsten ist? Wie konnte es passieren, dass das einstige wirtschaftliche Herz Deutschlands heute schlechter dasteht als die von der DDR heruntergewirtschafteten neuen Bundesländer?

Die Antwort darauf könnte man auch in Lehrbücher drucken, denn die Fehler die hier gemacht wurden stehen beispielhaft für die, die in vielen absteigenden Regionen, Wirtschaftszweigen und Firmen gemacht werden. Und sie alle begannen mit einem einzigen: dem Unwillen sich darauf einzustellen, dass die Welt sich verändert und man sich mit ihr verändern muss, ob es einem gefällt oder nicht.

Dass die Förderung der deutschen Steinkohle sich irgendwann nicht mehr lohnen würde ist bereits seit etwa 150 Jahren absehbar gewesen. So lange weiss man schon, dass nur bei einem Teil der Vorkommen der Abbau wirtschaftlich ist. Der Rest ist zu tief im Boden und zu aufwändig zu gewinnen, so dass es nicht mehr möglich sein kann mit den Tagebauten in den USA, Australien, China und Kolumbien zu konkurrieren. Und doch wurde noch bis nach dem Jahr 2000 so getan, als ob das möglich wäre.

Aufbauend darauf folgte ein zweiter, genauso verhängnisvoller Fehler. Obwohl über lange Zeit genug Geld da gewesen wäre wurde nicht ausreichend in die Förderung anderer Wirtschaftszweige investiert. Die Folge: die im Bergbau wegfallenden Arbeitsplätze werden nicht durch andere ersetzt, die Menschen flohen vor der Perspektivlosigkeit in andere Gegenden. Städte wie Duisburg oder Gelsenkirchen haben dadurch jeweils mehr als 100.000 Einwohner verloren, Spitzenplätze erreichen sie nur noch bei Arbeitslosen- und Hartz IV-Quoten.

Der entscheidende Stoss erfolgte dann durch fahrlässig hohe Abgaben. Aus dem Gefühl heraus, dass man den prosperierenden Energie- und Industrieunternehmen problemlos etwas mehr Geld abnehmen könnte (angeblich war deren Zukunft ja sicher), wurden die Gewerbesteuern höher und höher geschraubt. Städte wie Duisburg, Bochum, Essen, Mühlheim und Oberhausen haben heute die höchsten Hebesätze Deutschlands und würgen damit den eigenen Firmen die Lebenskraft ab. Wie unter diesen Umständen die Wirtschaft wieder in Gang kommen soll bleibt schleierhaft.

Wie gesagt, die Fehler die hier gemacht wurden stehen beispielhaft für viele absteigende Regionen, Wirtschaftszweige und Firmen. Den Kopf in den Sand stecken, den Strukturwandel verschlafen und das was (noch) da ist als Cash Cow missbrauchen, das sind Verhaltensweisen die man durch alle Branchen immer wieder antrifft. Für alle die in einem solchen Umfeld Verantwortung tragen sollte der deutsche Steinkohlebergbau eine Warnung sein: wer glaubt sich der Veränderung verweigern zu können dem bleiben irgendwann nur noch Erinnerungen an die große Vergangenheit.
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