Dienstag, 18. Oktober 2022

Infantilisierung

Bild: Pixabay / Carina Chen - Lizenz

Zu den Sätzen die man früher oder später von ziemlich jedem Agile Coach hören wird, gehört die Aufforderung, Menschen wie Erwachsene zu behandeln. Das erscheint auf den ersten Blick nicht wie etwas Besonderes, was sonst sollte man bei (erwachsenen) Menschen auch tun? Im Arbeitskontext ist aber oft das genaue Gegenteil der Fall, und zwar nicht nur in klassischen Command & Control-Strukturen sondern erstaunlicherweise auch dort wo agil gearbeitet wird. Menschen werden hier infantilisiert.


Zum gemeinsamen Verständnis eine Definition: als Infantilismus bezeichnet man in der Psychologie das Stehenbleiben oder Zurückfallen auf der Entwicklungsstufe eines Kindes, sowohl bezogen auf die körperliche als auch auf die geistige Entwicklung. In Abgrenzung dazu ist die Infantilisierung die Herbeiführung dieses Zustandes durch den Betroffenen selbst oder die Zuschreibung kindlicher Eigenschaften durch Andere. Hier geht es um den zuletzt genannten Fall.


Im Arbeitskontext macht sich diese Form der Infantilisierung dadurch bemerkbar, dass Menschen die geistige Reife abgesprochen wird den Sinn und die Notwendigkeit von Massnahmen und Regeln zu verstehen. In einer Weiterführung dieser Gedanken wird zudem unterstellt, dass sie aufgrund dieser fehlenden Reife ohne externe Hilfe ständig falsche Entscheidungen treffen würden. Infolgedessen wird angenommen, sie müssten "vor sich selbst gerettet" und ggf sogar "zu ihrem Glück gezwungen" werden.


Die häufigste Verbreitung finden derartige Glaubenssätze im Umfeld von Top Down- und Command & Control-Management. Hier trifft man immer wieder auf die Überzeugung, dass ganze Gruppen von Kollegen Informationen nicht verstehen oder die Tragweite ihrer Handlungen nicht abschätzen könnten, weshalb sie "an die Hand zu nehmen" wären. Wichtig dabei ist, dass das nicht nur eine Haltung des Managements gegenüber Untergebenen ist, sie kann auch umgekehrt verlaufen (siehe Unterwachung).


Aber auch in weiten Teilen der agilen Community sind infantilisierende Zuschreibungen weit verbreitet. Die häufig geäusserte Schnelldiagnose, dass jemand der nicht alle Umstellungen mitmachen will noch kein agiles Mindset hätte, ist nichts anderes als Infantilisierung: es wird ihm unterstellt auf einer frühen geistigen Entwicklungsstufe stehengeblieben zu sein und nicht zu wissen was gut für ihn ist. Auch die häufige Pauschalunterstellung von "Widerstand gegen Veränderungen" geht in diese Richtung.


Eine besondere Form der Infantilisierung durch große Teile der agilen Community findet schliesslich auch hier gegenüber Managern statt. Wer auf einem beliebigen Meetup das Thema "Agilität und Management" aufbringt wird fast immer zu hören bekommen, dass "die Manager" von Trotz, Angst vor Veränderungen, Unsicherheit und Ählichem getrieben sind wenn sie sich den Umstrukturierungen in ihren Unternehmen in den Weg stellen. Wer darauf achtet wird Management-Infantilisierung in vielen Firmen finden.


Egal auf welcher Ebene, all diese Formen sind ein starker Indikator dafür, dass derjenige der anderen kindliche Verhaltensmuster unterstellt, selbst grosse Defizite in Menschenkenntnis, Systemanalyse oder Mustererkennung hat. Die meisten Menschen haben wenig gegen einen vorgegebenen Arbeitsmodus (agil oder nicht-agil) wenn sie in ihm einen Sinn erkennen. Tun sie das nicht ist das Hinterfragen von Ansatz und Rahmenbedingungen meistens zielführender als die Menschen "zu ihrem Glück zu zwingen".


Um es mit einem praktischen Ratschlag zu Ende zu bringen: in einer sich agil transformierenden Organisation nach Formen von Infantilisierung zu suchen und sie Denen die sie durchführen zu spiegeln kann ein wirkungsvoller Hebel sein. Wenn sie in verschiedenen Bereichen und Hierarchiestufen verbreitet ist handelt es sich nämlich um einen Teil der Organisationskultur, der alle weiteren Massnahmen kontaminieren kann wenn nicht zuerst an ihm gearbeitet wird.

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