Donnerstag, 7. Februar 2019

Objektpermanenz

FS
Bild: Pexels / Janko Ferlic - CC0 1.0
Es ist eine der grossen und immer wiederkehrenden Diskussionen im Umfeld fast aller agilen Teams: sollte der aktuelle Arbeitsstand mit Post Its auf physischen Boards festgehalten werden oder doch eher in digitalen Task-Tools? Zwar ist im Zweifel immer das gute alte "kommt drauf an" die richtige Antwort, es gibt aber große Vorteile, die durch physische Boards ermöglicht werden. Der Gesamtblick auf das "Big Picture" wurde hier bereits erwähnt, er lässt sich aber noch weiter ausführen - er erzeugt etwas, das man Objektpermanenz nennt.

Hinter diesem Begriff verbirgt sich zunächst ein Phänomen der Kognitionspsychologie: sowohl menschliche Kleinkinder als auch die meisten Tiere können ein Objekt welches zeitweise aus dem eigenen Blickfeld verschwindet nicht als das Selbe wiedererkennen wenn es wieder auftaucht. Z.B. wird ein Hund der hinter einen Zaun läuft und auf dessen anderer Seite wieder auftaucht für ein zweites, vom ersten unabhängig existierendes Tier gehalten.

Während dieser einfache Zusammenhang (es ist der selbe Hund) schon von grösseren Kindern problemlos erkannt werden kann stellen abstraktere Zusammenhänge selbst erwachsene Menschen vor Probleme. Arbeits- oder Verarbeitungsprozesse in denen Liefergegenstände ihre Erscheinungsform ändern (z.B. Idee → Konzept → Coding → erratisches Systemverhalten) sind oft nicht mehr als zusammenhängend zu erkennen, wenn einzelne Zwischenstadien (z.B. der Code) sich der Sichtbarkeit oder dem eigenen Verständnis entziehen.

Die Folge dieses Phänomens ist der aus vielen Grossvohaben bekannte Effekt, dass an verschiedenen Stellen Arbeit "aus dem Nichts heraus" zu entstehen scheint, mit all den bekannten Auswirkungen auf Planbarkeit, Berechenbarkeit und Stabilität. Dass diese Arbeit in Wirklichkeit auf frühere Phasen zurückgeht ist durch Abstraktion und Erscheinungsform-Änderung nur noch schwer nachzuvollziehen.

Um alle Zwischenstadien eines Arbeitsvorgangs wieder als zusammengehörig erkennen zu können ist eine visuelle Darstellung hilfreich. In ihr können zusammenhängende Teile durch Farben oder Zeilen (oder beides) hervorgehoben werden, während die Be- oder Verarbeitungsfortschritte durch Phasen, bzw. Spalten dargestellt werden. Das Ergebnis - nichts anderes als ein Kanban-Board:


Auch hier könnte man natürlich überlegen ob digitale Lösungen nicht ähnlich gut darin wären Zusammenhänge aufzuzeigen. Auszuschliessen ist das nicht, es müsste aber ein erstaunlich breiter Bildschirm sein, der dafür eingesetzt würde. Sobald einzelne Phasen durch Scrollen oder durch Ausblenden unsichtbar werden wäre die Objektpermanenz nämlich erneut unterbrochen.
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