Donnerstag, 5. September 2019

Demographie

FS
Bild: Pixabay / Geralt - CC0 1.0
Irgendein Algorithmus ist Schuld. Ohne danach gesucht zu haben hatte ich plötzlich das Video vom Vortrag The Scribe's Oath von Bob Martin auf dem Bildschirm. Es ist mittlerweile über zwei Jahre alt, und nach dem Ansehen möchte ich die englischen Bewertung, "it aged well" vergeben. Was dieses mal bei mir hängen geblieben ist, ist aber nicht der eigentliche Inhalt (eine Art Hippokratischer Eid für Software-Entwickler) sondern eine Nebenbemerkung: ab Minute 17 versucht er nachzuvollziehen wie sich die Gesamtzahl der Software-Entwickler auf der Erde entwickelt und kommt auf einen atemberaubenden Schluss: die Zahl verdoppelt sich alle zwei bis fünf Jahre.

Seine daraus folgende Erkenntnis: solange das so bleibt (und nichts spricht dagegen, dass es sich ändert) wird die Mehrheit der Entwickler immer eine Berufserfahrung von nur wenigen Jahren haben. Man kann das kritisch sehen, so wie Bob Martin es tut, und ethische Richtlinien fordern. Man kann aber auch die Chance darin sehen. Wer erst wenige Jahre im Beruf ist wird in der Regel noch offen sein für Neues, nicht auf Gewohntem beharren, nicht alles so machen wollen "wie immer" und Veränderung nicht als Störung empfinden. Vermutlich ist das einer der grossen, unterschätzten Faktoren dafür, dass agile Ansätze vor allem in der IT entstanden sind und hier auch bestehen bleiben.1

Weitergedacht bedeuten diese Faktoren aber nicht, dass die "jugendliche Wechselbegeisterung" ein Charakteristikum aller IT-Unternehmen und Abteilungen sind - in kaum einer Firma steigt die Anzahl der Beschäftigten bremskurvenartig an. Ab einer bestimmten Grösse wird kaum noch neu eingestellt, so dass es zu einer demographischen Polarisierung kommt: auf der einen Seite die relativ junge Belegschaft in Startups und Neugründungen, auf der anderen Seite die älteren Mitarbeiter der Firmen die schon in den 80ern und 90ern auf Digitalisierungslösungen gesetzt haben. Selbst in der scheinbar immer modernen IT findet man hier Strukturkonservativismus, Sicherheitsfixierung, Groupthink und ähnliche Phänomene, die häufig zu verkrusteten, bürokratischen Strukturen führen.

Noch einmal weitergedacht ergibt sich für die nächsten Jahre aber ein gegenläufiger Trend. Dort wo IT-Abteilungen in den 80ern und 90ern aufgebaut worden sind steht in absehbarer Zeit ein Generationenwechsel an. Bei manchen Mittelständlern und in vielen IT-Abteilungen von Grossunternehmen sind die Entwickler im Schnitt Mitte bis Ende 50, die nächste Verrentungswelle ist also absehbar.2 Da die nächste, bereits in den Startlöchern stehende Generation deutlich jünger sein wird bedeutet das aber, dass die Offenheit für Neues bald wieder deutlich grösser sein wird. Und da die Unternehmen für die gefragten Fachkräfte attraktiv sein wollen werden auch sie nicht umhinkommen das zuzulassen und zu fördern. Die immer zahlreicher werdenden "New Work"-Programme sind Teil dieser Entwicklung.3

Natürlich besteht bei solchen Betrachtungen immer die Gefahr unzulässiger Verallgemeinerungen, trotzdem deuten die Faktoren aber darauf hin: die demographische Entwicklung sorgt dafür, dass die Agile Bewegung sich ständig erneuert, und dass zur Zeit der nächste "Agilisierungs-Schub" auf die IT-Branche zurollt.


1Ja, es gibt auch junge unflexible Entwickler und alte die hochagil sind. Es geht aber um Mittelwerte.
2Genaugenommen ist es in der IT fast überall die erste.
3Wobei der Unterschied zwischen Agilität und New Work nochmal ein eigenes Thema wäre.
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