Dienstag, 8. September 2020

Warum Regelverstösse nicht agil machen

FS
Bild: Wikimedia Commons / Ibex73 - CC BY-SA 4.0

Einmal mehr bietet die aktuelle Nachrichtenlage eine schöne Analogie für die Dos und Dont's des agilen Arbeitens. Konkret geht es um ein Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin zu den in den letzten Monaten entstandenen "Pop up-Radwegen", die kurzfristig mit Baustellenmarkierungen eingerichtet wurden um den unerwartet hohen Radverkehr bewältigen zu können. Sie wurden in ihrer aktuellen Form verboten. Und es lohnt sich zu erzählen wie es dazu gekommen ist.


Am Anfang stand wie so oft eine Krise. Beginnend im Frühling 2020 sorgte der Ausbruch des Covid19-Virus dafür, dass sich fast niemand mehr dem Gedränge im öffentlichen Nahverkehr aussetzen wollte. Stattdessen nahm die Nutzung von Fahrrädern sprunghaft zu und überlastete die bisher dafür vorgesehenen Spuren. Um das dadurch steigende Risiko von Verkehrsunfällen einzudämmen richtete die Stadt so schnell wie möglich die oben erwähnten Pop up-Radwege ein, die einen Teil der bisher auch von Autos genutzten Strassen belegten.


Was das Gericht in seinem Urteil feststellte: diese Eile und die Sondersituation alleine waren keine ausreichende Begründung für einen derartig schweren Eingriff in den Strassenverkehr. Auch in einer solchen Situation hätte begründet werden müssen wie die Massnahmen mit dem relevante Gesetz, § 45 (9) StVO, in Einklang zu bringen war. Und da das nicht geschehen war erfolgte die Anweisung die Spuren wieder abzubauen.


Warum das eine Analogie auf (falsch verstandenes) agiles Arbeiten ist? Weil die hier genannten Fehler oft auch in der agilen Produktentwicklung gemacht werden. Wenn irgendetwas schnell gehen muss verfallen Teams und Unternehmen manchmal in eine "der Zweck heiligt die Mittel"-Haltung, in der die internen und externen Vorschriften (Barrierefreiheit, Datenschutz, etc.) sehr grosszügig ausgelegt oder sogar ignoriert werden.


Auch die folgende Phase der Untätigkeit ist Analogie-fähig. Genau wie die Berliner Verwaltung monatelang darauf verzichtete die neuen Verkehrswege nachträglich rechtssicher zu begründen verfallen auch manche Teams und Unternehmen in den Irrglauben, auf Dringlichkeit beruhende Massnahmen wären nach Abschluss ein Bestandsschutz geniessendes "Minimum Viable Product", selbst dann wenn sie auf nicht wirklich zulässige Art zustande gekommen sind.


Beides zusammen führt letztendlich allerdings zum genauen Gegenteil des ursprünglich anvisierten Ziels. Durch Regelbeugung zustande gekommene Massnahmen sind nur scheinbar ein schneller Erfolg, erfordern aber in der Regel Nacharbeiten die aufwändiger sind als sie es zu Beginn gewesen wären. Und das Einsparen der noch überschaubaren Kosten eines frühen "Refactorings" wird später richtig teuer und zeitfressend, wenn alles zurückgebaut werden muss.


Selbst wenn es für den Einen oder Anderen unintuitiv erscheinen mag: im Kontext von Gesetzen und Vorschriften bedeutet Agilität nicht, dass man beweglich wird indem man sie so weitreichend wie möglich umgeht, sondern dass man versucht sie so früh wie möglich einzuhalten um schnell Rechtssicherheit zu haben. Alles andere führt zu einem Scherbenhaufen wie dem vor dem die Berliner Politik gerade steht.

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