Freitag, 16. Januar 2026

Glue People

Wer ein bisschen Zeit in grossen Organisationen verbracht hat, dem wird früher oder später ein bemerkenswertes Phänomen aufgefallen sein - neben den offiziellen Führungs- und Koordinations-Positionen (Teamleiter, Projektmanager, etc.) gibt es auch inoffizielle Positionen, die für das Funktionieren der Zusammenarbeit mindestens genauso wichtig sind, wenn nicht sogar wichtiger. Eine dieser inoffiziellen Positionen sind die so genannten Glue People.


Hintergrund dieser Benennung ist, dass diese Menschen (deren Rolle sich im Deutschen wörtlich mit "Klebe-Personen" übersetzen lässt, sinngemäss aber eher Verbindungsperson bedeutet) dafür sorgen, dass bei Bedarf verschiedene Organisationseinheiten oder Prozessabläufe zusammengebracht und zusammengehalten werden. Wichtig ist dabei, dass das eben nicht im Rahmen der oft bürokratischen formalen Rollen und Beauftragungen erfolgt, sondern im Rahmen von Eigeninitiative.


Was für das Funktionieren einer Glue Personen-Rolle wichtig ist, ist aber nicht nur die Bereitschaft, sie einzunehmen, sondern auch das Vorhandensein eines bereits bestehenden Netzwerks in der Organisation. Erst dadurch, dass potentielle Ansprechpartner und Wissensträger (und deren Bereitschaft zur inoffiziellen Kooperation) schon bekannt sind, ist es möglich, vorbei an den offiziellen Abläufen Klärungen und Absprachen direkt vorzunehmen.


Wie dieses Netzwerk entstanden ist, kann dabei sehr unterschiedlich sein, sehr verbreitete Hintergründe sind aber eine lange Betriebszugehörigkeit, eine Versetzungsgeschichte durch verschiedene Abteilungen oder Projekte, ein Engagement in firmenübergreifenden Einrichtungen (Betriebsrat, Betriebssportverein, etc.) und dazu auf persönlicher Ebene die Fähigkeit und Bereitschaft zu Kommunikation, Informations-Weitergabe und gegenseitiger Unterstützung.

 

Ist all das gegeben, können Glue People zu einer spürbaren Erleichterung und Beschleunigung von Abläufen beitragen. Statt auf dem offiziellen Weg zuständige Personen ausfindig machen zu müssen, um dann an die Informations- oder Zusammenarbeits-Anfragen zu stellen und auf deren Beantwortung warten zu müssen, kann der notwendige Ansprechpartner direkt identifiziert und kontaktiert werden. Ggf. reduziert sich die Wartezeit dadurch von Wochen auf Stunden.


Zu beachten ist dabei aber auch, dass das Vorhandensein (und abhängig sein) von Glue People auch Probleme mit sich bringt. Durch ihre inoffizielle Natur sind sie in der Organisation häufig unsichtbar und unsteuerbar, ausserdem kann es dazu kommen, dass sie (wenn es nur wenige von ihnen gibt) Flaschenhälse oder Single Points of Failure bilden. Aus Systemsicht ist daher zwar nicht das Vorhanden sein von Glue People problematisch, aber die Abhängigkeit von ihnen.


Ein zusätzliches Thema kann sein, dass das Aufrecht-Erhalten des unternehmensweiten Netzwerks von Glue People Ressourcen kostet, allein dadurch, dass es auch ausserhalb konkreter Anlässe regelmässige Begegnungen und Austäusche erfordert, deren Dauer dann nicht mehr für die eigentliche Arbeit zur Verfügung steht (und die in Summe erstaunlich viel Zeit kosten können). Viele Firmen (wie z.B. Google) sehen Glue People daher eher kritisch und versuchen sie tendenziell unnötig zu machen.


Der Versuch, eine Organisation ganz ohne Glue People zu betreiben ist allerdings anspruchsvoll: um es zu können ist es notwendig, alle Prozess- und Zuständigkeitslücken zu schliessen, deren Vorhandensein sonst den Bedarf nach diesen Personen wieder erst entstehen lassen würde. Das wird nochmal erschwert dadurch, dass es nicht reicht, das nur einmal zu machen - in einer sich ständig ändernden Umwelt muss es vielmehr ein dauerhaftes anpassungsgetriebenes Vorgehen sein, das niemals aufhören kann.

Related Articles