Freitag, 20. März 2026

Conceptual Knowledge vs Procedural Knowledge

Grafik: CCNull / Marco Verch - CC BY 2.0

Beim Lesen von David Epsteins Buch Range sind verschiedene Konzepte aus meinem Psychologie-Studium wieder emporgestiegen, unter anderem die Prozeduralen und Konzeptionellen Probleme, bzw. der zu ihrer Lösung notwendigen Wissensgebiete des Prozeduralen und Konzeptionellen Wissens. Es handelt sich dabei um universell anwendbare Ansätze, die aber in meinem beruflichen Umfeld noch einmal besondere Implikationen haben.


Prozedurales Wissen (umgangssprachlich auch als Know-How bezeichnet) umfasst Informationen, die unmittelbar anwendbar sind, seien es mathematische Rechenwege, Navigationsanweisungen oder Kochrezepte. Die Prozeduralen Probleme, für deren Lösung sie gedacht sind, treten regelmässig und in immer vergleichbarer Form auf, so dass die Problemlösung im Wesentlichen aus der Wiederholung früherer Lösungen bestehen kann.


Konzeptionelles Wissen umfasst dagegen Informationen über abstrakte aber universell gültige Wirkungszusammenhänge, etwa Grundrechenarten, die Bedeutung von Strassenschild-Formen und die geschmacklichen und chemischen Eigenheiten und (In)Kompatibilitäten von Kochzutaten. Die Konzeptionellen Probleme, für deren Lösung sie gedacht sind, sind komplex, dynamisch oder neuartig, so dass die Problemlösung jeweils neu gefunden und validiert werden muss.


In der Welt der Organisation von Arbeitsabläufen lassen sich diese beiden Wissensgebiete im Wesentlichen auf zwei bekannte Vorgehensmodelle mappen: Prozedurales Wissen findet sich vor allem im Lean Management, mit dem Fertigungsstrassen, Callcenter und ähnliche Einrichtungen optimiert werden können, während sich Konzeptionelles Wissen vor allem in agilen Arbeitsweisen wiederfindet, die in Produkt-Neuentwicklungen innovative Wege finden müssen.


Was Epstein nun in seinem Buch schreibt (und durch wissenschaftliche Studien belegt) ist aber, dass die Menschen eine grundsätzliche Neigung zu Prozeduralem Wissen haben, da es einfache Verständlichkeit, sofort nachvollziehbare Lösungswege und schnelle Fortschritte ermöglicht. Diese verzerrten Präferenzen gehen so weit, dass oft selbst bei der Lösung Konzeptioneller Probleme versucht wird, diese mit Prozeduralem Wissen zu lösen - selbst dann, wenn das gar keinen Sinn macht.


Auf die moderne Arbeitswelt übertragen: selbst für die Lösung neuartiger Probleme, für die eigentlich Systems Thinking, Mustererkennung, Inspect & Adapt und ähnliche abstrakte Ansätze die Richtigen wären, versuchen viele Menschen und Organisationen zunächst reflexartig auf Best Practices, Industrie-Standards, Playbooks und ähnliche Anleitungen zurückzugreifen. Das Scheitern vieler digitalen, agilen und sonstigen Transformationen dürfte darin begründet sein.


Um noch tiefer zu bohren: auch den Grund für die Bevorzugung Prozeduralen Wissens fasst Epstein zusammen, und es ist auch ein ganz einfacher - im Gegensatz zum anspruchsvolleren und vergleichsweise schwer zu durchdringenden Konzeptionellen Wissen erfordert das Prozedurale Wissen weniger gedankliche Anstrengung und weniger Lernaufwand. Dass es bevorzugt wird, liegt also schlicht an der geistigen Bequemlichkeit vieler Menschen.


Für das Innovations- und Change Management beutet das, dass seine Vertreter bereit sein müssen, auch als unbequem wahrgenommen zu werden, zumindest so lange bis im jeweiligen Einzelfall beweisbar ist, dass Konzeptionelles Wissen auch tatsächlich der passende Weg zur Lösung Konzeptioneller Probleme ist. Und als Schlusspointe: auch die Kategorisierung von Wissen und Problemen in Konzeptionell und Prozedural ist Konzeptionelles Wissen. Hilfreich, aber nicht für jeden sofort zugänglich.

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