Soziotechnische Systeme
Ein kurzer Ausflug auf die Meta-Ebene. Sowohl die Entwicklung von Software als auch die Fertigung von Hardware-Produkten finden im Überschneidungsbereich von zwei Systemen statt: einem sozialen System, bestehend aus den beteiligten Menschen und den zwischen ihnen stattfindenden Interaktionen und einem technischen System, bestehend aus verschiedenen miteinander verbundenen Geräten und IT-Programmen. Beide zusammen bilden dann so genannte Soziotechnische Systeme.
Das soziale (Teil-)System bilden im engeren Sinn alle an der Produkterzeugung beteiligten Menschen, egal ob sie planen, konzipieren, programmieren, montieren, testen, dokumentieren, absichern oder sonstige Tätigkeiten durchführen. Im weiteren Sinn können noch weitere Gruppen dazugehören, etwa Anwender, Auftraggeber oder Regulierer. In beiden Fällen bestehen diese Systeme aber nicht nur aus den beteiligten Menschen, sondern auch aus den sie verbindenden Interaktionen (z.B. der Kommunikation).
Das technische (Teil-)System hat ebenfall zwei Dimensionen: zunächst umfasst es alle Werkzeuge, die von den Angehörigen der sozialen Systeme benutzt werden; im Fall der Software-Programmierung etwa Computer und Build Pipelines, im Fall der Hardware-Fertigung können es Fliessbänder und Stanz-Maschinen sein. Als zweite Dimension kommen Elemente dazu, die die beteiligten Menschen steuern und anleiten, z.B. Ticket-Tools oder akkustische Signale, die auf durchzuführende Tätigkeiten hinweisen.
Aufbauend darauf kann man diskutieren, ob in letzter Konsequenz nicht alle Arbeit in soziotechnischen Systemen stattfindet (selbst in der Manufaktur gibt es Werkzeuge und selbst einen Vollautomaten muss irgendjemand anschalten), es gibt aber Vorgehensweisen, die zwingend soziotechnisch sind - die, bei denen es um hohe Reaktions- oder Liefer-Geschwindigkeit geht (Agile und Lean), wären ohne Automatisierung einfacher Arbeiten und menschliche Eingriffe bei Technikversagen schlicht zu langsam.
Und um auch das noch stärker herauszustreichen: hohe Reaktions- oder Liefer-Geschwindigkeit kann in vielen Fällen bedeuten, dass die Abläufe im Wortsinn rasend schnell werden, etwa dann, wenn in einer Lean-optimierten Fabrik pro Minute hunderte von Nägeln oder Bleistiften erzeugt werden oder neue Software in Sekunden auf tausende Geräte geladen wird. Es kann aber auch bedeuten, dass die Anfertigung einzelner Prototypen "nur noch" Wochen dauert, statt Jahre (siehe hier).
Zu guter Letzt: wenn man sich darauf einlässt, dass nach Agile, Lean oder verwandten Ansätzen arbeitende Organisationen soziotechnische Systeme sind, erledigen sich auch auch schnell die Diskussionen, ob sie aufgrund des technischen Fortschritts nicht obsolet werden. Agiles Arbeiten kann genauso wenig durch Künstliche Intelligenz abgelöst werden wie Lean durch 3D-Druck, denn das sind lediglich technische (Teil-)Systeme. Was dagegen möglich ist, ist diese in Agile und Lean zu integrieren.
