Der Eiertanz um das Wort 'Agile'
Vor langer Zeit (genauer gesagt in den 70er und 80er Jahren) war die Welt der Softwareentwicklung noch eine andere, eine, die viele Entwickler sich heute kaum noch vorstellen können. Grosse, extrem arbeitsteilige Organisationen, deren einzelne Teile von einem mehrere Hierarchie-Ebenen entfernten Management auf bürokratische Weise ferngesteuert wurden, sollten in jahrelanger Arbeit riesige Projektpläne abarbeiten - und scheiterten. Nichts wurde fertig.
In den 90er Jahren formierte sich nach und nach eine Gegenbewegung, die um eine radikale, neue Idee aufgebaut war: Softwareentwicklung sollte am Besten durch kleine, crossfunktionale, selbstorganisierte Teams mit grossem Entscheidungsspielraum stattfinden. Diese Idee wurde unabhängig voneinander an verschiedenen Stellen entwickelt, und als die dahinterstehenden Menschen sich kennenlernten, wählten sie einen Namen dafür: Agile Softwareentwicklung.
Wie der konkrete Arbeitsmodus der derartigen Teams im Detail aussahen konnte von Fall zu Fall anders sein, es gab Extreme Programming, Scrum, Crystal, Feature Driven Development, IT-Kanban und Adaptive Development, später Two Pizza-Teams, Modern Agile, FAST, Squads, Pods und alle möglichen weiteren Vorgehensmodelle. Da sie alle die oben erwähnte Kernidee gemeinsam hatten, bezeichneten sie sich aber alle als agil (bzw. 'Agile").
Fast Forward in die Zeit kurz nach dem Jahr 2020. Erneut erkannten viele Firmen (vor allem solchem die mit KI-Entwickelten), dass kleine, crossfunktionale, selbstorganisierte Teams mit grossem Entscheidungsspielraum der beste Weg waren, um Software zu entwickeln. Erneut wurden dafür verschiedene Vorgehensmodelle entwickelt, etwa Tiny Teams, Micro Teams und Tiger Teams. Aber etwas war neu: die Erfinder dieser Modelle bezeichneten sie nur noch selten als agil.
Der Grund dafür liegt in dem Phänomen der Management-Moden. Obwohl die agilen Frameworks in ihrem Ursprung eben keine waren, wurden sie in den 2010er Jahren vielfach dazu verfremdet. Das hatte aber auch Vorteile: wer Management-Moden nutzt, kann einfacheren Zugang zu Budgets, Entscheidungsgremien und Karrieren bekommen. Erst als Mode wurde agiles Arbeiten flächendeckend erlaubt, eine Lektion, die viele Entwickler und Tech-Manager lernten und verinnerlichten.
Mit Folgen: seit kurz nach 2020 ist agiles Arbeiten keine Management-Mode mehr, sondern wurde in dieser Funktion durch KI abgelöst. Wer in Teams der oben genannten Art arbeiten will, aber keine Lust auf mühsame Überzeugungsarbeit hat, kommt daher seitdem am einfachsten ans Ziel, wenn er sein Vorgehensmodell einfach umbenennt: inhaltlich mag es das Gleiche sein, aber das Label lautet jetzt nicht mehr Agile, sondern KI - und schon stehen die Türen wieder offen.
Diese Hintergrund-Mechaniken sind einer der Hauptgründe dafür, dass zur Zeit ein Eiertanz um das Wort 'Agil' stattfindet. Jeder, der sich ein bisschen mit dem Thema beschäftigt hat weiss, dass das was gerade in der KI-getriebenen Entwicklung stattfindet agiles Arbeiten ist. Es ist aber auch offensichtlich, dass der Moden-Begriff, mit dem man seine Wünsche einfacher durchsetzen kann, gerade ein anderer ist. Darum wird oft gerade dort wo man agil arbeiten möchte, der Begriff kaum benutzt.
Aus einer zweckrationalen Perspektive ist das erstmal in Ordnung, solange das Ergebnis ist, dass man einen sinnvollen Arbeitsmodus wählen darf, ist der Weg dahin sekundär. Und selbst aus einer puristischen Sicht kann man dieser Entwicklung etwas Positives abgewinnen - durch den Verlust seines Moden-Status kann der Begriff Agile jetzt von unsinnigen Auswüchsen und Erwartungen befreit werden. Und wenn das gelingen sollte, kann man ihn auch wieder auf die Tiny- und Tiger-Teams anwenden.
