Mittwoch, 28. Oktober 2026

Impatient Programming

Wer geglaubt hat, dass mit dem Aufkommen KI-gestützter Softwareentwicklung die Zeit der agilen Frameworks vorbei ist, wird sich mittlerweile wundern. Schon bald sind neue entstanden oder es wurden bestehende angepasst. Nachdem Mitte 2025 AI-DLC den Anfang gemacht hat und Mitte 2026 AI-Native SAFe nachgefolgt ist, wurde im Herbst 2026 ein drittes veröffentlicht, das das Potential hat, weite Verbreitung zu finden: Impatient Programming/IMP (https://impatientprogramming.org).


Alleine die vom Hauptverfasser Obie Fernandez aufgestellte Grundprämisse ist spannend: genau wie in den 90er Jahren das damals vorherrschende "Cowboy Coding" durch Extreme Programming/XP (das erste agile Framework mit grösserer Bekanntheit) disziplinierter und verantwortungsvoller wurde, gibt es auch für das KI-basierte Vibe-Coding einen Bedarf nach Struktur und Verlässlichkeit. Als einer der Pioniere von XP versucht Fernandez dessen Kern auf die KI-gestützte Entwicklung zu übertragen.


In weiten Teilen ist in IMP das alte XP enthalten, wenn auch mit einer zentralen Modifikation: es ist ein auf enger, täglicher Zusammenarbeit basierendes Vorgehensmodell, mit dem in kurzen Abständen Incremente benutzbarer Software erstellt werden. Anders als im den 90er und 2000er Jahren arbeiten aber nicht nur Menschen eng zusammen, sondern autonom handelnde KI-Agenten werden in diese Zusammenarbeit einbezogen (z.B. in Form eines Ergebnisberichts eines Agenten im Daily).


Gleichzeitig entfallen durch die Leistungsfähigkeit der KI bestimmte Limitierungen. Im klassischen XP wurde z.B. die Anzahl der Spikes (technischer Machbarkeitsstudien) bewusst gering gehalten, um möglichst viel Arbeitskapazität für die Umsetzung der Anforderungen übrig zu haben. In IMP treten an ihre Stelle die bereits bekannten Vibe-gecodeten Wegwerf-Prototypen, deren Erstellungsaufwand so gering ist, dass man sie in beliebiger Menge und Frequenz produzieren kann.


An anderer Stelle kommen dafür neue Limitierungen dazu. So bleibt beispielsweise Test First und eine hohe Testabdeckung wichtig, um zu verhindern, dass die Token-Kosten ausser Kontrolle geraten, wird aber versucht, die Anzahl der Tests möglichst gering zu halten, indem redundante oder irrelevante Tests automatisiert ermittelt und entfernt werden. Im Grunde kann man in diesem Zusammenhang von permanentem Refactoring der Test Suite sprechen - einer alten XP-Praktik, neu interpretiert.


Ebenfalls wichtig ist der Aspekt der KI-Governance, der in IMP in Form des so genannten "Contract" vorliegt, worunter hier die hart vorgegebene Summe aller funktionalen und nicht funktionalen Anforderungen (Architektur, Performance, Regulatorik, etc.) besteht, deren Einhaltung von den KI-Agents im Rahmen ihrer Arbeit ständig validiert werden muss. Das Risiko von halluzinierten und schlechten Ergebnissen soll so minimiert werden.


XP-typisch ist zuletzt der Minimalismus des vorgegebenen Prozess-Umfangs. Während der in XP im Wesentlichen aus der Definition gleichlanger Iterationen in Länge weniger Wochen bestand, in denen jedesmal Funktionalität geliefert und deren Mehrwert validiert werden sollte, gibt IMP einen "Heartbeat" von jeweils einwöchigen Zeiträumen vor, an deren Ende in einem Meeting namens "Showcase" die in dieser Zeit fertiggestellten Ergebnisse präsentiert werden.


In einer ersten Bewertung würde ich sagen, dass IMP (in dessen Rahmen die Entwickler übrigens "Imps" genannt werden) das Potential hat, XP sowohl im Guten als auch im Schlechten nachzufolgen. Im Guten dahingehend, dass es unter vielen Entwicklern eine enthusiastische und treue Gefolgschaft finden kann, im Schlechten dahingehend, dass es durch eine starke technikzentrierung wenig Management-kompatibel ist, und von kommerziellen Ansätzen verdrängt werden könnte.


Alles in allem ist es aber eine spannende Weiterentwicklung klassischer agiler Prinzipien und Praktiken, durch die allen KI-zentriert arbeitenden Entwicklungsorganisationen eine weitere Option zur Selbstorganisation zur Verfügung steht. Und selbst wenn (wie im Fall von XP) am Ende nur einzelne Praktiken eine weitere Verbreitung erreichen sollten, wäre auch das schon eine deutliche Verbesserung im Vergleich zum im Vibe Coding wiedergeborenen Cowboy-Vorgehen.

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