Terroristen-Teams
Manche Ideen scheinen rund um die Welt ähnliche Assoziationen hervorzurufen, was man als Indikator dafür nutzen kann, dass tatsächlich etwas Relevantes dahintersteckt. Eine dieser Assoziationen ist auf den ersten Blick abwegig bis erschreckend, hat auf den zweiten aber eine gewisse Zwangsläufigkeit: es ist die Heranziehung von Terror-Zellen als "Idealbild" für Organisationen, die "Purpose-driven" sind, sich also ganz einem bestimmten Zweck verschrieben haben.
Die Gedanken dahinter sind folgende: der Purpose, also der über allem schwebende sinnstiftende Zweck, wird seit einigen Jahren als ein zentraler Erfolgsfaktor für Teams oder Unternehmen gesehen und findet sich explizit oder implizit in vielen Konzepten wieder, von der Produktvision über die North Star Metrics, die Customer Obsession und die Unternehmensmission bis hin zu den Big Bets. Grosser Erfolg wird (angeblich) dadurch möglich, dass alles andere dem Purpose untergeordnet wird.
Das klingt erstmal nach einer brauchbaren Arbeitshypothese, wird aber zu etwas Kontroversem wenn man sich fragt, was es denn bedeutet, wenn wirklich alles Andere untergeordnet wird. Denn "alles Andere" umfasst ja (unter anderem) die Gesetze, die Moral, die Gesundheit, die Wirtschaftlichkeit und die Verhältnismässigkeit. Hat man sich das erstmal bewusst gemacht, ist es relativ offensichtlich, dass Terrorzellen (von der RAF bis zur Al Quaida) Purpose-driven sind wie kaum jemand sonst.
Ich habe diese Vergleiche zwar schon mehrfach gehört, in Erinnerung geblieben sind mir aber vor allem zwei Personen, welche die gegensätzlichen Enden des Meinungsspektrums abbilden: Stefan Kühl, Soziologieprofessor aus Bielefeld, nutzte die Gleichsetzung um die drohenden Risiken einer Purpose-Instrumentalisierung herauszustellen, während Peter Sellis, ein Produktmanager aus dem Silicon Valley, Teams mit einer Selbstwahrnehmung als Terroristen-Organisation für erstrebenswert hält.
Die Ansicht von Kühl dürfte bei allen anschlussfähig sein, die irgendwo miterlebt haben, dass eine übergreifende Sinnstiftung so stark überhöht wird, dass eine Abweichung oder Nichtbefolgung als moralisch verurteilenswert erscheint. Vor allem in Gesinnungsbetrieben wie Kirchen und Gewerkschaften, aber auch in manchen Startups oder NGOs lässt sich eine an Fanatismus grenzende Überidentifikation immer wieder beobachten.
Die Ansicht von Sellis braucht dabei etwas mehr Erläuterung: sie ist im Kontext der extrem kompetitiven IT-Branche der US-Westküste zu sehen, die geprägt von Schlagworten wie Disrupt yourself oder Move fast and break things davon ausgeht, dass man ständig daran arbeiten sollte, das eigene Geschäftsmodell durch neue Ideen obsolet zu machen - um auf diese Weise noch innovativer zu sein als die Konkurrenz. Es gewissermassen das Ziel, ständig Teile der eigenen Strukturen wegzusprengen.
Am Ende glaube ich, dass es sich bei den Aussagen von Kühl und Sellis um zwei zusammengehörige Seiten der selben Medaille handelt. Die erste Sicht zeigt auf, dass eine Überhöhung einer Idee fast immer in einer ungesunden Destuktivität münden muss, die zweite hebt hervor, dass der Prozess einer schöpferischen Zerstörung im Sinn des Fortschritts von den Profiteuren des Ist-Zustandes als übertrieben und destruktiv empfunden werden kann und vielleicht sogar so empfunden werden muss.
Was beide Sichtweisen gemeinsam haben, ist ein hohes Ausmass an Polemik und bewusst herbeigeführter Kontroversität. Gerade weil der Begriff des Terrorismus (zu Recht) so negativ belegt ist führt seine Verwendung zur Selbst- oder Fremdbeschreibung fast zwangsläufig zu emotional aufgeladenen Debatten. Wenn man die auslösen möchte, ein brauchbares Mittel. Wenn man differenziert diskutieren möchte, empfiehlt sich dagegen ein eher dosierter Einsatz.
