Dienstag, 15. Dezember 2020

Minimum Viable Products (MVPs)

FS
Grafik: Wikimedia Commons / Teemu Leinonen - CC BY-SA 4.0

Es ist einer der grossen Klassiker: verschiedene Menschen unterhalten sich über einen Begriff, jeder geht davon aus, dass alle das Selbe darunter verstehen aber in Wirklichkeit hat jeder sein eigenes Verständnis, so dass alle aneinander vorbeireden. Das habe ich schon an verschiedenen Beispielen aufgezeigt, und heute kommt ein weiteres dazu: das Minimum Viable Product (MVP). Auch hinter dem können sich sehr unterschiedliche Ansätze verbergen, und zwar die Folgenden:


I. Der Proof of Concept (PoC)

Rein formal kein MVP im eigentlichen Sinn, da hier noch kein benutzbares (→ viable) Ergebnis entsteht. Der in den 60er Jahren bei der NASA geprägte Begriff lässt sich als "Machbarkeitstest" ins Deutsche übersetzen. Ein erfolgreicher PoC beweist "nur", dass ein Vorhaben technisch machbar ist, validiert aber nicht ob es für das geplante Produkt auch einen Bedarf gibt. Ein Proof of Concept kann rudimentärster Art sein, z.B. indem er beweist, dass ein Material einer bestimmten Belastung standhält oder dass eine Datenauswertung gegen kein Persönlichkeitsrecht verstösst.


II. Der Riskiest Assumption Test (RAT)

Der erste Ansatz der auf Eric Ries zurückgeht, der Ende der 2000er Jahren mit seinem Lean Startup-Framework den Begriff des MVP bekannt gemacht hat. Er geht davon aus, dass vor dem ersten eigentlichen MVP grundlegende Annahmen geklärt werden können, z.B. die ob sich überhaupt jemand für die (Produkt)Idee interessiert. Das kann z.B. durch Fokusgruppen-Marktforschung geschehen oder durch Experten-Interviews. Ries bezeichnete diese Grundannahmen als "Leap-of-Faith-Assumptions", durch Rik Higham wurden sie später als "Riskiest Assumptions" popularisiert, die durch Riskiest Assumption Tests validiert werden können.


III. Das Low Fidelity MVP (Low-Fi MVP)

Das erste MVP im eigentlichen Sinn. Eric Ries versteht darunter eine extrem rudimentäre Version eines Produkts, deren einziger Zweck das Validieren von Kunden- oder Nutzer-Interesse ist. Legendär ist das Low-Fi MVP des online-Schuhhändler Zappos, das nur aus einer Website mit Schuh-Fotos und einer Bestelladresse bestand. Auf der Website Robot Mascot gibt es eine schöne Übersicht über weitere Varianten, die dort auch erklärt werden: Customer Interview, Social Media-Auftritt, Aktivität in Online-Foren, Landing Page, Split-Testing, Erklärvideo, Papier-Prototyp, Ad Campaign, "Fake Door", Audience Building und Micro-Survey.


IV. Das High Fidelity MVP (High-Fi MVP)

Ebenfalls eingeführt durch Eric Ries sind die High Fi-MVPs zwar noch immer rudimentär, in der Erstellung aber bereits deutlich anspruchsvoller. Z.B. für Prototypen in der Hardware-Fertigung gedacht wird das Produkt hier digital simuliert oder mit relativ hohem Fertigungsaufwand in geringer Stückzahl erstellt, etwa für öffentliche Vorführungen auf Messen. Aufwändige MVPs für komplexe rein digitale Produkte existieren aber ebenfalls. Auch hier gibt Robot Mascot eine Übersicht und Erklärung für verschiedene Varianten: Digitale Prototypen, 3D-Modelle, “Wizard of Oz” MVPs, “Concierge”-MVPs, The “Piecemeal”-MVPs, Crowdfunding und Single Featured MVPs.


V. Das Minimum Marketable Product (MMP), bzw. Earliest Loveable Product (ELP)

Eine wesentlich fortgeschrittenere (und ironischerweise auch wesentlich ältere) Variante des MVP. Eingeführt 2001 durch Frank Robinson, den Erfinder des Begriffs Minimum Viable Product, beschreibt sie einen Produktumfang der zwar noch klein ist, trotzdem aber bereits gut genug entwickelt ist um an den Markt gebracht werden zu können. Beispiele dafür wären die ersten, noch sehr minimalistischen Versionen von Facebook (ein Studenten-Verzeichnis) und Twitter (eine Chatgruppe). Robinson benutzte seinerzeit noch den MVP-Begriff in diesem Sinn, nachdem der durch Eric Ries umgedeutet wurde gab es Versuche von Neubenennungen 2011 durch Roman Pichler (MMP) und 2015 durch Henrik Kniberg (ELP).


VI. Der Meilenstein-MVP

Gehört am wenigsten in diese Aufzählung, tritt in der Realität aber immer wieder als Missverständnis auf. Wie der Name schon sagt - es ist nicht anderes als der alte Meilenstein, also eine mehr oder weniger sinnvoll geschnittene Kombination aus Arbeitspaket und Deadline, die jetzt nur einen neuen Namen trägt. Ein starker Indikator für Cargo Cult.

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