Kidlin's Law
Eines der zahlreichen "Gesetze" des Projektmanagements ist Kidlin's Law. Es ist nicht völlig klar, woher es stammt (die manchmal zu lesende Zurückführung auf eine angebliche Romanfigur des Schriftstellers James Clavell ist falsch, sie findet sich in keinem seiner Bücher), dafür ist es aber mittlerweile weit verbreitet. Es lautet "If you write a problem down clearly and specifically, you have solved half of it", also "Wenn man ein Problem klar und konkret formuliert, hat man es schon halb gelöst".
Wegen des unklaren Ursprungs ist nicht völlig klar, was genau die ursprüngliche Intention des Verfassers war, aus der Praxis des Projektsmanagements (und hier besonders des Anforderungsmanagements) lässt sich aber eine Erklärung von Kidlin's Law herleiten. Sie baut auf dem erstaunlich häufigen Phänomen auf, dass Menschen sich so stark in die Umsetzung einer Lösung vertiefen können, dass sie das ursprüngliche Problem aus den Augen verlieren.
Klassische Beispiele für dieses Phänomen sind die Feature Requests grosser Lasten- und Pflichtenhefte, in denen oft mit erstaunlichen Detailgrad zu programmierende Workflows, Funktionen oder Formulare definiert werden, ohne das klar ist, wer das braucht, und wozu. In sehr vielen Fällen führt dieses Unwissen dazu, dass am Ende suboptimale oder unnötige Ergebnisse entstehen, deren Erstellung aber nicht unwesentlich Zeit (und damit Geld) kostet.
Ein Ausweg aus diesem Missstand besteht daraus, die ursprüngliche Problem- oder Bedarfs-Beschreibung in die Anforderung aufzunehmen oder mit ihr zu verbinden. Bei ihrer Vorstellung, bei der Erarbeitung der Umsetzung oder Lösung und bei der Vorstellung der Ergebnisse kann dann darauf referenziert werden, was idealerweise dazu führt, dass die suboptimalen oder unnötigen Ideen gar nicht erst erwogen, oder zumindest schnell verworfen werden.
Findet das statt, sind die stattdessen erzeugten Ergebnisse mit grosser Wahrscheinleichkeit besser auf die Zielgruppe und ihre Bedürfnisse ausgerichtet und auch schneller fertiggestellt (da weniger Aufwand in gut gemeinte, aber unnötige Arbeiten fliesst). Diese Effektivitäts- und Effizienzeffekte sind es, die hinter dem Versprechen von Kidlin's Law stecken, dass eine klare und konkrete Formulierung eines Problems bereits die Hälfte des Lösungsweges beinhaltet.
In der Praxis bildet Kidlin's Law den (ggf impliziten) Hintergrund für viele der üblichen Zielsetzungs- oder Aufgabenstellungs-Formate, etwa für Produktvisionen, Unternehmensmissionen, Job to be done-Statements, User Stories, Big Bets und viele weitere. Sie alle sind Ziel- und Problemformulierungen, die als Ergänzung zu einer Anforderung oder Umsetzungsidee dafür sorgen, dass diese sich nicht versehentlich in eine nicht zielführende Richtung entwickeln.
