The agile Bookshelf: Making Organizational Culture Great - Moving Beyond Popular Beliefs
Bücher zum Thema Unternehmenskultur gibt es mittlerweile unübersehbar viele, und wer einige davon gelesen hat wird gemerkt haben, dass auch die Vorstellungen davon, was Kultur eigentlich ist, ebenfalls unübersehbar vielfältig sind. Das Schöne daran: es gibt immer wieder interessante neue Sichtweisen, so wie in- dem Buch Making Organizational Culture Great - Moving Beyond Popular Beliefs, geschrieben von den amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlern Jennifer A. Chatman and Glenn R. Carroll.
Passend zum von ihnen gewählten Untertitel ist es das Ziel der beiden Autoren, die Diskussion über Unternehmenskulturen zu versachlichen, weshalb der Aufbau um fünf populäre Annahmen kreist, die anhand realer und bekannter Beispiele validiert und in diesem Rahmen bestätig oder widerlegt werden (oder differenziert betrachtet, wenn das Ergebnis nicht eindeutig ist). Bei diesen fünf untersuchten Annahmen handelt es sich um die folgenden:
Unternehmenskultur entsteht irgendwie, existiert einfach so wie sie ist und kann nicht geändert werden
Diese Annahme ist in den Augen von Chatman und Carroll nicht völlig falsch, aber auch nicht zwangsläufig richtig. Während z.B. bei Kodak und PanAm ein Kulturwandel scheiterte war er bei Ford und Roche erfolgreich. Und bei Apple scheiterte er zunächst, um unter später unter neuer Führung (der von Steve Jobs) zu gelingen. Entscheidend ist jeweils der Kontext.
Unternehmenskultur kann verändert werden, aber nut Top-Down durch das Management
Auch hier ist die Antwort differenziert. Auf der einen Seite wird an Beispielen wie dem Southwest Airlines-CEO Herb Kelleher gezeigt, wie gross die Gestaltungsmöglichkeiten hoher Manager sein können, auf der anderen Seite wird an Firmen wie Boeing (vor der Fusion mit McDonnell Douglas) gezeigt, dass Kultur (in diesem Fall Ingenieur-Kultur) auch dezentral entstehen kann.
Unternehmenskultur ist etwas Weiches und Amorphes und kann nicht konkretisiert oder quantifiziert werden
Vermutlich das kontroverseste Kapitel des Buches. In ihm wir klar davon ausgegangen, dass Kultur konkretisierbar und messbar ist, und dass nicht nur qualitativ (etwa durch Zufriedenheits-Erhebungen) sondern auch quantitativ (etwa durch Umfang und Geschwindigkeit der Aneignung von Insider-Sprache). Praxisbelege gibt es auch hier, über deren Repräsentativität kann man aber diskutieren.
Unternehmenskultur erfordert, dass Mitarbeiter sich an sie anpassen, wenn sie Wirksamkeit entfalten oder keine Nachteile erfahren wollen
Für Chatman und Carroll ist das zu einfach gedacht. Zum einen erfordern viele Unternehmenskulturen (z.B. in innovativen Umfeldern) eine gewisse Nonkonformität, was im Widerspruch zum angepasst Sein steht, zum anderen ist Kultur oft implizit oder dynamisch, was Anpassungen erschwert. Sehr deutliche Kulturunterschiede sind aber meistens nachteilig, wie anhand von Disney und Netflix gezeigt wird.
Unternehmenskultur kann zu Mitarbeiterzufriedenheit beitragen, aber nicht zu wirtschaftlichem Unternehmenserfolg
Diese Annahme drehen die beiden Autoren zunächst um. Was eine (schlechte) Unternehmenskultur definitiv bewirken kann, ist ein wirtschaftlicher Schaden, wie sie u.a. am Beispiel Volkswagen zeigen. Darüber hinaus können eine Leistungs- oder Innovationskultur erkennbar zu wirtschaftlichem Erfolg beitragen, wofür Walmart und SpaceX als Belege genannt werden.
Nach diesen zentralen Kapiteln endet Making Organizational Culture Great mit einem weiteren, in dem konkrete Ratschläge zur Kulturgestaltung gegeben werden, auch hier wieder basierend auf vielen Praxisbeispielen. Vieles davon ist naheliegend, etwa die gezielte Personalauswahl oder Weiterbildung. Andere, wie das Verfassen von kulturellen Leitbildern oder das oben genannte Messen von Kultur sind kontrovers. Und einige, wie das Feuern kulturell unpassender Mitarbeiter, wären in Deutschland illegal.
Am Ende spiegelt sich aber in dieser Mischung, warum das Buch lesenswert ist. Es verbindet das Hinterfragen scheinbarer Gewissheiten mit konkreten Praxiserfahrungen und -anleitungen sowie kontroversen Standpunkten, an denen man sich Reiben kann. Das regt an zum Nachdenken, Hinterfragen und Ausprobieren - was passenderweise auch ein erfolgsversprechender Ansatz für die Erforschung und Gestaltung von Unternehmenskulturen ist.
